Blond Bitte

 

Ich hatte mein ganzes Leben darauf gewartet. Nicht hoffnungsvoll. Nie hoffnungsvoll. Nur mit einer schlechten Vorahnung, ein gewaltsames Gefühl das mir jedesmal den Atem aus den Lungen quetschte. Mein Leben war nicht schön. Und es würde danach nicht besser werden. Es würde einfach nur öffentlicher werden. Damit jeder meine erbärmliche Existenz wahrnehmen könnte.

Ich lebte mein ganzes Leben lang in einer Box. Jeden Tag wurde ich mit Vitamine und Weiterem vollgepumpt. Es öffnete sich ein kleines Quadrat in der Wand der Box, wodurch sich dann ein grässlicher Metallarm schlich, der mich mit einer riesigen Nadel stach. Den Arm hasste ich. Ich glaubte immer sein robotisches Sirren zu hören, wenn ich schlief.

Dabei schlief ich aber nur sehr wenig. Ich aß nicht. Ich stand kaum. Ab und zu setzte ich mich auf, aber sonst hatte ich nicht viel zu tun.

Mein ganzes Leben bestand nur daraus mir vorzustellen, wie ich leben könnte und würde, wenn ich aus der Box raus käme. In meinen Gedanken lebte ich in einer viel größeren Box. Eine, wo man die Wänder gar nicht mehr sehen würde. Ich könnte dort so lange laufen, wie ich wollte, und meine Arme so weit ausstrecken wie ich konnte, ohne jemals an eine Wand zu treffen. In dieser Box bräuchte ich nicht mit irgendwas voll gepumpt zu werden, ich fühlte mich immer stark und gesund. Ich bräuchte keinen Schlaf, ich wäre nie müde.

Es stimmt aber nicht, dass nie etwas passiert ist. Manchmal, alle paar Ewigkeiten, bewegte sich die Box. Sie stieg nach oben und es hörte sich an, als wäre das nicht die einzige Box, die nach oben stieg.

Dann hörte ich eine Stimme, tiefer als die meine, aber nicht so heiser. Die sagte immer dasselbe: “Welches Exemplar hätten sie gerne?” dann antwortete auch immer eine Stimme, meistens tief und etwas unklar, manchmal aber laut und klar oder sogar hoch und zittrig. Das letzte war aber ziemlich selten.

Sie sagten dann eher verschiedene Sachen, wie zum Beispiel:

"Eine Schlanke."

"Gebräunt bitte."

"Mit lockigen Haaren."

"Eine kurvige Figur natürlich!"

Diese kamen oft vor. Manchmal sagten sie aber andere Sachen, über die ich oft lange nachdachte.

"Eine mit großen, blauen Augen. Wie der Himmel."

"Eine, die ein auffälliges Muttermal hat."

"Sabine?"

Ich wusste nicht was danach passierte. Ich wusste nicht, ob ich das war, wonach die Stimmen suchten. Ich glaubte aber, sollte ich passen, würde ich aus der Box kommen. Und ich hatte Recht.

Eines Tages stieg die Box nach oben. Ich wunderte mich schon, was die Stimmen dieses Mal sagen würden. Ich fragte mich, ob ich dieses Mal die Box verlassen müsste. Mir wurde schlecht bei dem Gedanken. Obwohl ich mein derzeitiges Leben nicht mochte, fürchtete ich mich schrecklich vor der Außenwelt.

Es kam die Stimme.

"Welches Exemplar hätten sie gern?"

Eine raue Stimme antwortete. Ich konnte es nicht ganz hören, ich verstand nur: "-ond bi-e"

Ich runzelte die Stirn und es herrschte ein Moment lang Stille.

Dann kam die Stimme wieder.

"Blond bitte."

Die Wand der Box zu meiner linken Seite verschwand plötzlich.

Ich sah eine endlose schwarze Leere und in der Ferne eine Strecke von Licht. Da stand ein Mensch. Kurze graue Haare. Haare auf seinem Gesicht. Breite Schultern. Mehr Kleiderschichten, als ich jemals gesehen hatte. Er sah dick aus. Er grinste.

Mir wurde unheimlich schlecht.

In der Strecke von Licht sah ich die Form eines Geistes. Er saß, eine verblasste Gestalt, die vor dem Mann schwebte. Der Geist sah bleich und erschrocken aus. Er hatte helle Haare, die ihm ein bisschen über die Schulter fielen. Er trug meine Kleider.

Ich war der Geist. Ich kam jetzt aus der Box.