600 Sekunden

Von Immanuel Krehl

Mit zügigem Schritt eile ich über den Alexanderplatz. Berlin – Alexanderplatz. Meine Tränen fließen über meinen Hals in mein schickes Hemd. So viele Gedanken strömen durch meinen Kopf. Ich, der guterzogene Jonas von Heidelbergen habe genug den „netten Jungen“ gespielt und mich in enge Hemden gezwängt. Jetzt werde ich es meinen Eltern zeigen. Die von Heidelbergens werden in die Geschichte eingehen. So, wie sie es immer wollten. Aber nicht so, wie sie es immer wollten. Mein Vater hätte mich umgebracht, hätte ich sie geheiratet! Die Leute schauen mich komisch an. Ich. Schicke Hose. Schickes Hemd. Fliege. Und ein großer alter Rucksack auf dem Rücken. Schließlich komme ich am Alex – Center an. Ich zögere nicht lange und aktivierte den Zünder. 10:00 steht auf dem kleinen Display, dass sich in der Getränkeflasche befindet. Ich werfe die Flasche in den alles verschlingenden Schlund. Auch auf meiner Armbanduhr leuchtet nun eine Zeit. 9:00 steht da. Schließlich renne ich aus dem Center.Aus einem Can nicht weit entfernt, erkenne auf ich einem Bildschirm die Leute, die vorbeigehen. Überall sind Kameras. Gehackte Kameras. Neben mir steht Mia. Meine Freundin. Sie versucht mir das ganze aus dem Kopf zu schlagen. Das erste Mal in meinem Leben werde ich richtig laut. „HALT DIE FRESSE“, rufe ich.

Ich lehne mich in meinen Sessel zurück. Es fühlt sich toll an, böse zu sein. Ich schaue auf meine Armbanduhr. 8:00. Mia kommt noch mal zu mir. „Jetzt hör mir mal zu“, sagt sie bestimmt, aber liebevoll. „Überlege dir das nochmal genau! Ich helfe dir, auch wenn ich finde, dass das nicht das Richtige ist“. Ich lehne mich noch weiter zurück.  Weiter als es die Lehne zulässt. Ich knalle mit dem Kopf auf den Boden. Schwarz.

„Hallo?“, verstehe ich, wenn auch verschwommen. „Hallo? Jonas?“, fragt Mia. 6:00. „Wenn wir noch was machen wollen, sollten wir langsam anfangen. Bitte!!!“, jetzt weint sie fast. Ich bringe es nicht übers Herz.

Ich setze mich an den Computer im Van und drücke ein paar Tasten. 5:00. „Mist!“ schreie ich. „Blockiert!“ Ich sehe zu Mia und Mia zu mir. Ich weiß, was Mia denkt, und Mia weiß, was ich denke. Wir müssen die Bombe mit dem Schlüssel entschärfen.

Ich schnappe mir meine Jacke und renne in das Alex – Center. Mia rennt mir hinterher. „Bleib du im Van!“ schreie ich zu ihr. „Nein!“, ruft sie „Ich komme mit dir!“ Schließlich holt sie mich ein. „Hör zu“, sage ich ruhig. „Ich gehe jetzt da rein und werde diese Bombe entschärfen! Du bleibst hier in Sicherheit.“ Ich schaue auf die Uhr. 4:00. Ich renne. Mia auch.

Die automatische Schiebetür öffnet sich. Ich renne durch den Mediamarkt. Rechts und links fallen die Tablets herunter. „Hey!“, ruft ein Angestellter. 3:00. Wir hängen ihn ab.

Die Rückgabeautomaten sind schon in Sicht. 2:00

Ich stolpere. 1:00

Mia will mir aufhelfen. Ich kann nicht laufen 0:30

Mia öffnet die Tür zum Rückgabeautomatenbackstagebereich und findet sofort die Flasche. Sie ist Rot. 0:20

Beeile dich. 0.19

Ich schmeiße den Schlüssel zu ihr. 0.18

Er gleitet über den Boden. 0.17

Sie fängt ihn. 0.10

Ich schließe die Augen. 0.03

Ich öffne sie wieder. 0.02

Sie steckt den Schlüssel in die Flasche. 0.01

Ein Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus.

Wir haben es geschafft.

BUMM

Viele Leute sind gestorben. Ich nicht. Aber die Heldin. Ich schließe die Augen auf der Liege des Krankenwagens. Und öffne sie nicht. Ich will nicht. Ich öffne sie nie mehr.