Löcherwand

 

Da sind wir also. Im zutiefst durchlöcherten Salon des Mister Harvey. Durchlöchert, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Idee, ein Stück Wand, ein Zimmer, gar ein ganzes Landhaus mit Löchern zu versehen, war Mister Harvey eines Abends gekommen, als er gedankenverloren über seinem Schreibtisch kauerte, den Stift zwischen den Fingern kreiseln ließ und nach draußen in die Nacht starrte. Immer und immer wieder fiel ihm der Stift aus der Hand, bohrte sich in seine Haut, das Blatt Papier oder die Schreibtischplatte. Und immer und immer wieder zog Mister Harvey ihn zurück in seine Hand und begann ihn von neuem nach unten fallen zu lassen. Das riesengroße Grundstück um sein englisches Cottage herum lag still und düster vor ihm, das schwache Licht der Petroleumlampe spiegelte sich fahl in der Fensterscheibe wieder. Doch das monotone Klacken des Stifts, der auf die Tischplatte fiel, mit der Spitze ein Loch hineinbohrte und sich wieder erhob, beruhigte Mister Harvey. Eine Monotonie, die Halt gab. Und ohne wirklich zu wissen, was er da tat, bohrte er seinen Stift nun nicht mehr nur in seinen Tisch, sondern in alles, was er finden konnte. Nach und nach fand er Platz in Stühlen, Kissen, Beistelltischchen, Komoden, Wänden, Treppengeländern, Ablagen und Fensterrahmen. Benommen jagte er wie ein Fremder in seinem Haus herum, auf der Suche nach immer mehr Stellen, in die er seinen Stift bohren konnte.

Seit dieser Nacht hatte es keinen einzigen Tag mehr gegeben, in dem Mister Harvey nicht in seinem Haus umhergegangen wäre, systematisch und desorientiert zugleich, auf der Suche nach verlassenen Orten, Plätzen, die er mit Löchern bedecken konnte. Die simple Suche mit seinem Stift gab er jedoch bald auf, widmete sich anderen Gerätschaften, mit denen er hätte Löcher in die Wände stoßen können. Und so kam es, dass das Landhaus des Mister Harvey fortan als Löcherlaboratorium diente, Mister Harvey selbst als Löcher-Laborant steckte mittendrin. Doch er baute und grub und schlug nicht nur Tag ein Tag aus auf seine Werke ein, nein, des nachts machte er sich auf, um seine Löcher zu befüllen, sie mit Erinnerungen und alten Fotos vollzustopfen, mit Scheren, Löffeln, Küchentöpfen, Dosen, vergilbten Plakaten, uralten Einkaufslisten, Müll, Tankstellenmarken - alles was er dafür finden konnte. Hätte ein Außenstehender das Haus des Mister Harvey betreten, so wäre er sicherlich zu der Erkenntnis gekommen, ein Mensch, der jeden erdenklichen Winkel seines Heimes mit Löchern unterschiedlicher Größe und Form übersäte und sie anschließend mit altem Krims-Krams befüllte, hätte wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank. Doch Mister Harvey hatte seit Ewigkeiten keinen Besuch mehr bekommen, seit Jahren arbeitete er allein an seinen Löchern, vergessen und verdrängt von Freunden und Familie. Und jetzt sind wir also da, Mister Harvey auf dem verstaubten Teppichboden seines Salons, der mit zusammengekniffenen Augen versucht, eine alte Pillendose in die Wand zu schieben. Eine kleine weiße Pillendose, die sein Leben zerstören sollte. Denn die kleine, weiße Pillendose schiebt sich zwischen den Putz, den Lehm, des Stroh, die einzelnen Molekülstrukturen, die sich um die Löcherwelt des Landhauses geschlungen haben, löst leise und vorsichtig langsam die Bindungen auf, spaltet die Salonwand in Zwei, lässt Risse bis ganz nach oben wachsen, ein Baum von Rissen, der langsam aber stetig größer wird, die einzelnen Löcher miteinander verbindet. Und die Löcher fangen an zu bröseln, sich aufzulösen, in alle Richtungen davonzulaufen, berieseln Mister Harvey auf seinem von Staub und Dreck bedeckten Teppich, lassen die Erinnerungen frei und vom Wind davontragen. Der Baum bekommt Blätter, der Putz reißt immer weiter ein, bis sich die erste Wand langsam in Schräglage versetzt. Und Mister Harvey sitzt da, umgeben von Löchern, während sein Haus auf ihn einstürzt, und schreit, ruft in den Himmel hinauf: „Hallo, wer ist da?!“

 

Paulina Kessler

 

Was auf der letzten Seite steht (Paulina Kessler)

 

Früher habe ich immer zuerst den allerletzten Satz eines Buches gelesen, bevor ich das Buch richtig anfing zu lesen. Ich weiß nicht genau, warum ich das getan habe, aber irgendwie wollte ich immer zuerst den allerletzten Satz lesen. Je nachdem, was dieser allerletzte Satz beinhaltet hatte, reimte ich mir beim allerletzten Satz dann zusammen, worum es in dem Buch geht. Also nicht das, was hinten auf dem Klappentext aufgedruckt ist, sondern das, was wirklich in dem Buch passiert. Selbstverständlich könnte man argumentieren, dass der letzte Satz sowieso der wichtigste Satz in einem Buch sei und es langweilig wäre, diesen zu allererst zu lesen. Finde ich nicht. Ganz im Gegenteil. Der allerbeste Satz in einem Buch ist nicht der letzte, sondern der vorletzte Satz. Und jedes Mal, wenn ich den allerletzten Satz eines Buches las, mit zittrigen Fingern versuchte, die richtige Seite aufzuschlagen und glatt zu streichen, kostete es mich meine gesamte Willenskraft, nicht auch den vorletzten Satz zu überfliegen. Das gesamte Buch über musste ich meine Finger um Seiten und Buchrücken pressen, um ja nicht in Versuchung zu geraten, den allerbesten, vorletzten Satz zu lesen. Nach dem Lesen sind meine Finger deswegen ständig verkrampft, die Fingerkuppen schon fast taub, das Blut aus all meinen Händen geflossen. Doch die Vorstellung, den vorletzten Satz zu lesen, bevor ich nicht den Rest des Buches fertiggelesen hatte, machte mir Angst und brachte mich durcheinander. Manchmal fange ich an zu zittern während ich lese. Ob aus Anstrengung, Angst oder purer Vorfreude ist mir nicht immer klar. Doch der Moment, wenn es soweit ist, wenn ich es den allerletzten, den allerersten und alle anderen Sätze dazwischen geschafft habe, ohne der Versuchung des vorletzten Satzes zu widerstehen, dann ist der Moment gekommen. An dem die schmerzhafte Anspannung für einen kurzen Augenblick verfliegt. Wenn meine Augen die einzelnen Buchstaben in mich aufsaugen und wissbegierig über die Wörter streichen, kann ich es für einen Augenblick sein lassen. Die Schönheit dieses vorletzten Satzes in mich aufsaugen. Mittlerweile habe ich begriffen, warum.

Denn wenn das, was auf der letzten Seite steht, das Beste ist von dem was kommt, dann scheint die Welt für einen kleinen Moment in Ordnung zu sein. Wenn auch nur kurz. Meine letzte Seite ist noch nicht beschrieben. Es gibt Menschen, deren Buch bereits fertig geschrieben ist, bevor sie es selber kennen. Dann gibt es Menschen, die niemals angefangen haben ihre Geschichte zu schreiben und nun vergeblich auf die allerletzte Seite zusteuern, ohne zu wissen was kommen soll. Und es gibt Menschen wie mich. Falls man überhaupt im Plural sprechen kann. Ein Mensch, der Angst vor dem allerletzten Satz hat, ohne zu wissen, warum. Wo der vorletzte doch so viel besser ist. Ein Ich, das sich krampfhaft an die allerletzte Seite klammert. Zerrissen zwischen panischer Angst und berstender Neugier. Das Angst vor der Tinte hat, die sein Buch beschreiben wird. Es ist nicht der Inhalt oder die Tatsache, dass es der vorletzte Satz auf der allerletzten Seite ist, der mich an dem vorletzten Satz fasziniert. Es ist das Gewissen darüber, dass der vorletzte Satz der alles entscheidende ist. Der alles entscheidende Satz darüber, was im allerletzten Satz geschieht. Du kannst in deinem eigenen Leben den letzten Satz nicht lesen, obwohl du es in Büchern immer tust. Aber den vorletzten kannst du bestimmen, um den letzten zum besten zu machen.