Die Erfindung des Spiels


Mühlheim ist ein Dorf wie jedes andere. Es ist klein. Die Menschen dort kennen sich, und sie grüßen sich, wenn sie über die Straße gehen. Es gibt mehr Traktoren als Autos. Die Kinder spielen bis spät abends auf der Straße Fußball. Immer, außer dienstagnachmittags.
Dienstagnachmittag ist insofern anders, als dass die Straßen dann völlig leer sind. Ausgelöscht. Dabei beginnt ein Dienstag wie jeder andere Tag auch. Morgens werden murrende Söhne und Töchter zur Schule geschickt, mittags kommen sie heim, und erzählen ihren Eltern aufgeregt von der netten Frau Meier oder dem langweiligen Matheunterricht. Nach dem Essen klingelt das Telefon, und begeistert werden Verabredungen getroffen. Lautes Lachen und weniger lautes Kichern ist zu hören, wenn man an so einem Tag draußen unterwegs ist. Aber die Kinder, die sich treffen, fangen nicht etwa an zu spielen. Nein, sie laufen gesittet und ordentlich zur Dorfkneipe. Natürlich, abends haben Kinder dort nichts zu suchen - mittags eigentlich auch nicht – aber dienstagnachmittags befindet sich in der Kneipe oft nur ein einziger Erwachsener. Es ist ein alter, schon etwas zittriger Mann mit langem, weißem Bart. Wäre irgendjemand auf der gesamten Welt ein Zauberer, es wäre besagter Mann, da sind sich alle Kinder einig.
Sie strömen in das Haus, aufgeregt, laut rufend, als sie den Alten entdecken. Niemand weiß, wie er heißt, es gibt sogar Gerüchte, dass er seinen Namen selbst vergessen hat, also nennt man ihn der Einfachheit halber Merlin, nach der Legende von König Arthur. Die Kinder versammeln sich um Merlin, und eine schwere Stille senkt sich über sie. „Also“, durchdringt seine sanfte, tiefe Stimme den Raum, „was wollt ihr hören?“. Die Kinder blicken sich verwundert an. „Hast du denn keine Geschichte vorbereitet?“, der Gefragte schüttelt den Kopf: „Nein, heute möchte ich, dass ihr fragt“. Gemurmel erhebt sich, es wird unruhig. Bis schließlich ein großgewachsener, hellblonder Junge den Arm hebt. Alle starren ihn an. Er schluckt. „W-Wie… Wie wurde das Spielen erfunden?“ „Das Spielen? Nun, das Spielen war da, seit wir da sind.“ „Aber jemand muss es doch erfunden haben!“, ruft ein Mädchen empört. „Lass mich ausreden“, erwidert Merlin lächelnd, „das Spielen war da, seit wir da sind. Also muss es wohl erfunden worden sein, bevor wir da waren. Das wussten schon die alten Maya. Sie erzählten sich dazu eine alte Geschichte, älter als das Leben selbst…
Früher, vor den Menschen, vor der Erde selbst, ja, vor allen anderen Planeten, waren da die Sonne und der Mond. Sie liebten sich, aber das taten sie bereits seit Tausenden von Jahren, und der Alltag und die ewige Wiederholung begannen die Sonne zu langweilen. Sie schüttelte ihr leuchtendes Haupt und sprach zum Mond: „Mond, seit so langer Zeit sind wir hier, hast du dich nie gefragt, was der Sinn des Ganzen ist? Wozu wurden wir erschaffen? Wieso sind wir ganz allein?“ Der Mond legte seine graue Haut in Falten und schwieg. Er schwieg drei Tage und drei Nächte, und die Sonne bereute es zutiefst, ihn gefragt zu haben. Jetzt, da sie niemanden mehr zum Reden hatte, wuchs ihre Langeweile mit jedem feurigen Atemzug. Verzweifelt suchte sie nach einer Beschäftigung, und schließlich kam ihr eine Idee. Aus ihren eigenen Flammen formte sie zwei kleine Körper, so lange, bis sie von jeder Seite wie ein Quadrat aussahen. Sie formte das, was wir heutzutage Würfel nennen. Die Sonne malte Symbole auf jede Seite, und begann zu würfeln. Vor jedem Zug versuchte sie zu erraten, welches Symbol oben liegen würde. Sie fand tatsächlich Spaß an diesem allerersten Spiel, und als der Mond das sah, brach er begeistert sein Schweigen: „Ich hab’s! Wenn wir so erschaffen wurden, so ganz allein, dann kann unser einziger Sinn sein, zu erschaffen! Pass auf: Jedes dieser Symbole steht für eine Farbe, eine Größe und Beschaffenheit. Wir werden andere erschaffen, andere, die so sind wie wir, andere Sonnen und Monde!“. Die Sonne lächelte begeistert. Und so begannen sie zu spielen…