Edward Hopper: „Night Hawks“

Gefährliche Zeiten


Donnerstag 19.07.1974, 21:34 Uhr, San Francisco
„Was 'ne scheiß Woche!“ Calvin Brady sitzt an der Bar und schaut entgeistert in sein
Martini-Glas.
„Hey Mann, was ist los? Seit 'ner halben Stunde hängst du jetzt hier 'rum und nuckelst an
'nem verdammten Martini. So kenn' ich dich gar nicht.“
Calvin hebt seinen Kopf und blickt dem Barkeeper in die Augen.
„Phil ist tot.“
Der Barkeeper legt sein Geschirrtuch weg und reißt die Augen auf.
„Bitte, was? Tut mir echt leid, Alter! War's ein Unfall oder wurde er gekillt?“
„Die Schweine sind heute bei ihm 'reingestürmt und haben ihn und seinen Sohn
erschossen“ entgegnet Calvin mit wütendem Blick. Mit dem Handrücken wischt er sich
eine Träne aus dem Augenwinkel, was überhaupt nicht typisch ist für ihn.
„Masconi und seine Männer?“
„Ja Mann! Die haben mit seinem Blut eine Nachricht hinterlassen, WIR FINDEN EUCH
ALLE, haben sie geschrieben . Die Arschlöcher müssen irgendwie von unserem Deal mit
den Russen Wind bekommen haben. Andrej hat mich vorhin angerufen. Die haben auch
zwei seiner Männer erledigt. Die wurden auch zuhause gefunden. Anscheinend wissen die
jetzt sogar, wo wir wohnen.“
„Kein Spaß, ich hab's dir gesagt, die Italiener sind echt 'ne Nummer zu groß für euch! Die
sind überall und eiskalt!“
„Trotzdem, es geht hier verdammt nochmal um unsere Ehre. Ich lass' doch nicht zu, dass
die einen nach dem anderen von uns abschlachten. Ich versteck' mich ganz sicher nicht!
Morgen muss ich mich nochmal mit Andrej besprechen, wir müssen ab jetzt noch
vorsichtiger sein!“
Ein silberner Jaguar rollt auf den Parkplatz des „Phillie's“. Ein Mann mit Hut steigt aus,
läuft zur Beifahrertür und öffnet sie. Eine Dame mit Sonnenbrille und in rotem Kleid steigt
aus.
Der Mann mit Hut grüßt. In seinem Englisch ist ein europäischer Akzent zu erkennen.
Das Paar setzt sich gegenüber von Calvin an den Tresen. Beide bestellen einen Scotch.
Es ist still im „Phillie's“.
„Calvin Rose?“
Ohne aufzublicken antwortet Calvin:
„Wer will das wissen?“
Seine Finger verkrampfen sich am Stiel seines Glases.
„Mein Onkel!“
Der Mann zieht eine 9mm aus seinem Jackett und schießt ohne mit der Wimper zu zucken
in Calvins Gesicht.
Dann ist wieder alles still. Wie eingefroren schaut der Barkeeper mit entsetztem Blick auf
Calvins blutüberströmtes Gesicht.
Der Mann mit dem Hut nimmt einen letzten Schluck aus seinem Scotch-Glas, legt 20
Dollar auf den Tresen, nimmt die Dame bei der Hand und verlässt kommentarlos die Bar.
Das Paar setzt sich in den Jaguar, die Limousine rollt vom Parkplatz.
Gefährliche Zeiten!

Johann Binder, 10. Klasse