1-Seiten-Roman: Ich, er, sie, wir

Kapitel 1: Sein letzter Atemzug. Auf einmal wird es still um mich herum. Das schrille Piepsen des Herzfrequenzmessers zerstört diese Stille. Leise taste ich mich an ihn heran. Nichts. Totenstille. Langsam begebe ich mich zum einzigen kleinen Fenster in diesem Raum. Draußen ist es inzwischen dunkel geworden. Ich drehe mich um. Eine Schwester kommt herein und fängt an irgendwelche Beileidsbekundungen auszusprechen. Als würde es mich interessieren was sie zu sagen hat. Als würde mich überhaupt irgendetwas interessieren. Er interessiert mich. Ausgerechnet er, mein Retter.

Kapitel 2: Ich war 13 als wir uns das erste Mal sahen. Er trug einen roten Schal und seine Haare waren nach hinten gegelt. An jenem lausig kalten Sonntagnachmittag saß ich auf einer morschen Parkbank im Dungeon Park in London. Es war Winter und der Schnee glitzerte, als er vom Himmel fiel. Mein Blick war auf ein kleines Gänseblümchen gerichtet. Ich fragte mich, wie es bis jetzt überleben konnte. Sein gelb-weißes Köpfchen ragte empor zum Himmel. Rums. Jetzt sah ich nur noch schwarz. Schwarzer Lack. Mein Blick wanderte an den schwarzen Lackschuhen empor über eine schwarze Anzugshose bis zu einem maßgeschneiderten Sakko. Dort blieb er stehen. Ich traute mich nicht höher zu schauen, wagte es dann doch. Ein wohlgeführter Hals führte zu einem makellosen Kinn. Mein Atem stockte, als ich die Augen des Unbekannten erblickte. Sie waren seltsam grau-dunkelbau und doch relativ gewöhnlich. Irgendetwas faszinierte mich an ihnen. Vielleicht war es der Charme darin oder ihre Weite. Ich weiß es nicht. Aber von dem Zeitpunkt an ließen mich diese beiden Augen nicht mehr los. Sie waren sanft und trotzdem trafen sie mich mitten ins Herz. Es war der Anfang vom Ende. 

Kapitel 3: ,,Noch einmal‘‘, schrie sie. ,,Noch einmal, noch einmal, noch einmal‘‘. Heulend sackte ich in mir zusammen. Die letzten sieben Stromschläge hatte ich noch verkraftet, aber dieser war zu viel. Eine Träne rollte mir über die Wange. Mitten in den Mund. Ich erwartete von meinen Geschmacksknospen, dass diese noch irgendetwas schmeckten. Taten sie aber nicht. Dann sah ich sie wieder. Wie konnte sie mir das antun? Ihre Zähne fletschten, fast wie ihr hässlicher Köter, der gerade das Sofa zerkratzte. Und dann kam er hinein. Das bekam ich aber nur noch am Rande mit, so sehr schmerzte es.

Kapitel 4: Ungefähr 7 Stunden später wachte ich auf. Ich stand auf und ging zu dem Bullaugen-Fenster am anderen Ende des Raumes. Wunderschön war der Blutmond in dieser Nacht. So selten, unwirklich und trotzdem so real. Sanft berührte er meine Schultern. Keine Ahnung wie er sich schon wieder leise in mein Zimmer geschlichen hat, aber seine Anwesenheit verunsicherte mich jedes Mal aufs Neue. So ging das jetzt schon seit 4 Jahren. Eine Zeit, die ich hier in diesem Drecksloch verbringe und mit Ratten esse. 

Kapitel 5: Warum hatte sie mich nicht einfach schon längst umgebracht? Die Macht dazu hätte sie. Just in diesem Moment kam sie herein. Sie stand vor mir und zischte leise in mein Ohr. Ich hörte ihr nicht zu, es interessierte mich schon lange nicht mehr. So oft habe ich ihr als Kind zugehört. Ich wusste auch, was jetzt kommen würde. Geduldig ließ ich mich auf den Stuhl fesseln. ,,Noch einmal, noch einmal‘‘, schrie sie. Ichkonnte schon lange nicht mehr heulen. Stattdessen sah ich in seine Augen. Wie besonders sie waren. Seine Iris von einem dunkelgrünen Ring umgrenzt. Die schwarze Pupille hingegen von einer gräulich, bräunlichen Farbe. Vielleicht war es das, was mich an unserer ersten Begegnung so fasziniert hatte. Vielleicht war es Spiegelung oder irgendein Schatten, aber ich erkannte sogar ein leicht schimmerndes Smaragdlila und Rot in seiner Iris. Der Rest des Auges war perlmuttweiß. Langsam schloss er seine Augen. Ich hatte ihn noch nie weinen sehen. Der, der ihr anfangs noch half, sich dann aber auf meine Seite stellte. Aus meiner Nase quoll Blut. Meinem Körper machten die Stromschläge doch mehr zu schaffen, als ich geglaubt hatte. 

Kapitel 6: Piep. Piep. Piep. Langsam öffnete ich meine Augen. Ich musste wohl eingeschlafen sein, aber jetzt war ich hellwach. Die Pflegerin kam wieder herein und lächelte mich mitleidig an. Sie checkte, ob alles in Ordnung ist und ging wieder heraus. Bestimmt nur um jetzt einen anderen Patienten und dessen Familie zu nerven. Familie. Was bedeutet dieses Wort überhaupt noch in unserer Gesellschaft? Langsam war es Zeit loszulassen und nach vorne zu schauen. Ich nahm ein zerfledertes Familienfoto aus meiner Tasche und guckte sie mir an. Ihr langes weißblondes Haar und die kristallklaren blauen Augen. Sie war wunderschön. Wie oft ich ihr das als Kind gesagt habe. Es hatte nie etwas gebracht. Sie war immer eifersüchtig gewesen. Auf mich. Meine Augen, meine Haare, meine Stimme, meine Talente. 

Kapitel 7: Ich sitze an seinem Bett und lausche seinen letzten Atemzügen. Ich wusste schon lange, dass sie sich für unsere Flucht rächen würde. Aber warum an ihm? Er war der Einzige, der mir je das Gefühl gab wertvoll zu sein. So wie ich bin. Er befreite mich nicht nur aus meinem Gefängnis, in dem ich 4 Lebensjahre verschwendete. Er befreite mich auch aus meinem inneren Gefängnis aus Angst und Selbstzweifel. Sie weiß, dass er das Wertvollste ist, was mir noch geblieben ist. Nur deswegen hat sie ihn vergiftet und lässt ihn so langsam und qualvoll sterben. 

 Kapitel 8: Ich merkte, dass ich das Familienbild immer noch in der Hand hielt. Eine Träne fiel. Auf das Foto, auf ihr Gesicht. Das Gesicht, für das ich nur Hass übrig hatte. Das Gesicht meiner Schwester. 

Helen Zitzold

 

 

 

Was ist das Ziel?

,,Der Weg ist das Ziel‘‘ oder ,,Die Suche nach dem Lebensziel beginnt...‘‘. Zwei Sätze, die man viel zu oft auf den Facebookseiten oder als Whatsapp-Status dieser äußert poetischen minderjährigen, zu viel Zeit am Handy verbringenden, ach so poetischen Teenagern lesen kann. Sätze, die einem durch das ständige Überbetonen und Wiederholen schon deutlich auf die Nerven gehen. oder steckt vielleicht doch mehr hinter ihnen?

Zunächst einmal geht es den Begriff Ziel zu definieren: Ein Ziel ist etwas, dass man anstrebt. Etwas, dass durch Engagement geschafft werden soll oder ein Zustand, der für die betroffene Person als vollkommen betrachtet wird. Diese Ziele können sowohl Materielles, als auch ohne jeglichen materiellen Wert sein. Oft ist ihr Erreichen prägnant für den eigenen Lebensstil und ist ihr Erreichen geschafft, löst dies häufig Endorphine aus. Als einfaches Beispiel kann der 1. Januar eines jeden Jahres genommen werden. Jedes Jahr ist es dasselbe: Man setzt sich Neujahresvorsätze; Ziele, die man erreichen möchte. Egal ob Rauchen aufhören, mehr Sport treiben oder ein freundlicherer Umgangston mit seinen Mitmenschen pflegen. Oft bleiben diese Ziele unerreicht und trotzdem versuchen wir es jedes Jahr aufs Neue. Ziele bestimmen unser Leben. Wenn die Menschheit keine von ihnen hätte, würden wir wahrscheinlich Unsummen an Geld und Zeit jeden Tag verplempern. Das Ziel von Lehrbeauftragten ist es zum Beispiel den Schülern etwas beizubringen, ihnen Wissen zu vermitteln. Das zumindest annehmbare Ziel der Schüler ist es, etwas zu lernen. Nehmen wir an, diese beiden Ziele gäbe es nicht. Die Schüler gehen in die Schule, hocken sich ins Klassenzimmer und warten darauf, dass ein Lehrkörper den Raum betritt. Dieser eilt schließlich wagemutig herein, hat aber weder etwas vorbereitet, noch Materialien dabei. Also wird dann spontan etwas total Irrelevantes gemacht. Dann hockt man aber keine 8 Jahre mehr im Gymnasium bis zum Abitur, sondern 20. Nein, stopp. Das Ziel eines Gymnasiasten ist es, später einmal Abitur zu machen. Ohne Ziel kein Abitur, kein Studium, kein gut bezahlter Job. Es ist also offensichtlich: Ohne Ziele kann unsere Welt nicht funktionieren.

Es reicht aber nicht, sich irgendwelche Ziele zu stecken, denn diese müssen schon einen Sinn haben. Niemand würde sich als Lebensziel setzen herauszufinden, wie viele tausendstel Millisekunden ein Frosch im angeschalteten Mixer überlebt. Oder in welchem genauen Winkel eine durchschnittliche Banane ab ihrem Schwerpunkt gebogen ist. Dass, was die Menschheit braucht sind klar definierte Ziele, die die Gesellschaft und Ökonomie voranbringt. Dinge wie: Wir brauchen ein Heilmittel gegen Malaria. Dies sind Ziele, die die Menschheit verändern. Ziele, die etwas bewegen. Und ist es nicht das, wonach sich jeder heimlich sehnt? Möchte nicht jeder einmal am Ende seines Lebens sagen können: Ja, ich habe es geschafft. Ich habe geholfen, diese Welt ein kleines Stückchen zu verbessern. Ziele sind die Lebensgrundlage aller Entscheidungen. Egal, wie eine Entscheidung aussieht, letztendlich soll sie dazu dienen, einem seinen Zielen näher zu kommen. So ticken wir Menschen. Doch die wichtigste Frage bleibt dabei immer noch: Was genau ist jetzt das Ziel?

Sind es die Werte, die durch Menschlichkeit oder Religion geprägt sind oder doch eher materielle Dinge? Sachen, deren Besitz uns glücklich machen zu scheint. Nun ja, tatsächlich kommt es darauf an, was wir am Ende bezwecken wollen und welches Ausmaß unser Ziel annimmt. Handelt es sich dabei nur um den Wunsch, die geschriebene To-Do-Liste abzuarbeiten oder geht es vielmehr um die Sehnsucht nach einer erfüllten Lebenszeit? 

Bevor man sich überlegen sollte, was das Ziel ist, muss man sich erst einmal darüber bewusst werden, welche Relevanz und Bedeutung dieses hat. Wenn es keine große Bedeutung hat, lohnt es sich dann überhaupt es zu verfolgen? Wäre es nicht manchmal viel besser, einfach in den Tag hineinzuleben? Einfach mal das zu tun, was man sich wirklich wünscht? Egal, ob es gegen den Strom geht und man sich dadurch total von der Masse abgrenzt. Viel zu selten definieren wir unsere Ziele selber. Heidi Klum gibt uns vor, wie wir aussehen müssen um ,,durchs Leben zu laufen´´. Der von allen angehenden Studenten so sehr geliebte NC zeigt uns, welche Leistungen wir erbringen müssen um einen Studienplatz zu erhalten. Eigentlich traurig, dass in dieser mediengesteuerten Welt der Druck von außen alle Ziele definiert. Dabei hat es eigentlich schon Kant vor über hunderten von Jahren schon auf den Punkt gebracht. Wir müssen den Mut haben, uns an unserem eigenen Verstand zu bedienen. Wir Menschen haben dies bis heute nicht verstanden. Wir verhalten uns immer noch wie unaufgeklärte Spießer, die klischeehaft immer pünktlich sind und die sich niemals aus der Ruhe bringen lassen. Die immerwährende Haltung basierend auf Ordnung und Perfektion. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass fast jeder diese Perfektion anstrebt. Sogar ich. Der nie endende Versuch so viel wie möglich mit so geringem Zeitaufwand wie möglich zu erreichen. Den Anderen immer einen Schritt voraus sein. Niemals aufgeben. Aber so perfekt ist diese Welt schon lange nicht mehr. Zu sehen ist dies momentan an der Flüchtlingsdebatte. Diese Menschen sind nach Europa geflohen, um hier die Chance auf ein besseres Leben zu haben und um hier noch einmal neu anzufangen. Hierfür begeben sie sich auf eine gefährliche Reise. Ein Ziel, für welches viele ihr Leben lassen in einer Welt mit einem Entenfrisur tragenden amerikanischen Präsidentschaftsanwärter, der der festen Überzeugung ist, dass Deutschland halt Pech hat, wenn sie auch so doof sind und diesen armen schutzsuchenden Menschen Unterhalt gebieten.

Auf diese Suche nach der Freiheit sollten wir uns alle wieder begeben. Auf eine Suche nach unserem wahren Lebensinhalt in Berücksichtigung der Frage: Was macht mich glücklich? Und damit mein ich nicht das Zurückschauen auf das Vergangene und der Rückblick auf schöne Erinnerungen. Ich meine die Zukunft. Dass was uns noch zum Strahlen bringen wird. Eine Zukunft, die wir mit Hilfe von Zielen erreichen können.

Auf die Frage: Was ist das Ziel? gibt es keine Antwort. Zumindest keine einheitlich Formulierte, die sich in sämtliche Formen pressen lässt. Diese Frage muss sich jeder selbst stellen. Und wenn man darauf keine Antwort findet, setzt man sich einfach als Ziel, sein Ziel zu suchen. 

 

 

Was ist leichter als eine Feder?

Das Gewicht einer Feder. Schwer einzuschätzen, würde ich sagen. Wenn ich genau überlege, denke ich, dass das Gewicht einer einzelnen Feder zwischen 0,2 und 0,4 Gramm liegt. Man könnte meinen, dass es nichts Leichteres gibt, ausgenommen von Luft. Luft hat zwar kein messbares Gewicht, dafür aber eine gewaltige Kraft, welche auf den Druck, den Luft ausüben kann, zurückgeführt wird. Was aber ist dann leichter als eine Feder?


 
 

Ausgenommen von kaum sichtbaren Partikeln, wird man auf dieser Welt nichts finden, was das Gewicht einer Feder unterschreitet. Vielleicht ist das auch gut so. Vielleicht ist es genau richtig, dass es keine leichteren materiellen Dinge gibt. Vielleicht muss man einen Blick abseits der weltlichen Immanenz wagen und seinen Blick auf den nach göttlicher Transzendenz Strebenden Teil eines Menschen richten. Religion ist ein wichtiges Schlagwort. Glaube kann im wahrsten Sinne des Wortes, auch besonders nach dem Tod, Flügel verleihen. So wie es das Energy-Drink Redbull verspricht. Jetzt weiß aber jeder, der schon einmal Redbull getrunken hat, dass dies nicht der Fall ist. So schaffte es auch ein US-Amerikaner, Redbull auf sage und schreibe 10 Millionen USD zu verklagen. Die Anklage: Der versprochene Nebeneffekt des Energiedrinks blieb aus. Nein, Redbull kann uns also auch nicht leichter machen.

So greife ich nun noch einmal die Religionsthematik auf. Wofür steht Religion überhaupt? Liebe, Geduld, Gnade, Güte. Alles Dinge, die man sich nicht kaufen kann. Alles Dinge, die für unsere Augen nicht sichtbar sind, ohne die wir aber trotzdem nicht leben könnten. Liebe verleiht uns Flügel, sie lässt uns schweben und ihre Zerstörung holt uns auf den Boden zurück. Etwas Nichtmaterielles und trotzdem so Reales. Ähnlich ist es mit Gnade. Gnade berührt uns und macht unser Herz leicht, selbst wenn wir dies manchmal nicht glauben. Meiner Meinung hängt dies aber nicht von Religion ab. Natürlich sind die Werte der Religion ein wichtiger Punkt, aber nicht der Entscheidende. Liebe, Gnade, Menschlichkeit und Respekt begegnen uns oft genug im Leben und trotzdem viel zu selten. Das, nach dem wir suchen, was leichter ist als eine Feder, ist nichts Materielles oder etwas dergleichen. Es ist das, was uns Menschen zum Schweben bringt:

 Glaube, Hoffnung, Liebe. 


 
 

Helen Zitzold