Junihitze

 Ein Zug fuhr vorbei. Die graue Lok der 15-Uhr-Bahn rollte an der Front des Hotels entlang und wehte Staub in das kleine Zimmer, in dem ein Bett, eine Kommode und ein kleines Tischchen standen. Nur wenige Züge hielten länger an, verweilten für ein paar Minuten, um dann ihre Reise fortzusetzen. Die Frau im Kleid erhob sich aus ihrem Sessel, schlurfte zum Fenster und schloss es mit einem angewiderten Blick auf die Staubwolke, die sich über den Gleisen erhoben hatte.

Es klopfte an der Türe. Pünktlich wie immer, dachte sie, aber er hat ja auch wenig Zeit. Langsam wandte sie sich um und schlurfte mit ihren Pantoffeln zur Türe. Der Hotelpage stand davor. Nicht, dass es ein besonders nobles Hotel wäre, es war das einzige in der Stadt. Dazu da, die wenigen Herrschaften auf der Durchreise vom Bleiben zu überzeugen. 

 Es hatte schon bessere Zeiten gegeben, eine bunte Stadt, viele Gäste. Jetzt lebten keine Fremden mehr in dem Hotel, von dem nach und nach der Glanz der Ferne abblätterte. Als Gast war nur noch die Frau übriggeblieben, die den Pagen jetzt ungeduldig hereinwinkte.

Die Hitze flimmerte über den Gleisen, die wie gefällte Leitern auf dem steinigen Boden lagen. Die Frau schlurfte zurück zum Sessel. Der Page machte die Türe zu. Er trat ans Fenster, öffnete es und holte ein Zigarettenetui aus seiner Westentasche.

Die Frau vertiefte sich wieder in ihr Buch, einen unlesbaren Ausdruck in ihrem faltigen Gesicht. Der Page zündete sich eine Zigarette an und starrte mit betont vornehmem Blick im Gesicht aus dem Fenster. Es war schwer, die feinen Gesten seines Berufes abzulegen. 

Seit zehn Jahren das Gleiche, sagte er sich im Stillen, seit zehn Jahren. Das gleiche Hotel, der gleiche Gast, die gleichen 10 Minuten Rauchen.

 Der Bahnsteig gegenüber dem Hotel lag im tiefen Schatten der heißen Sonne, ausgestorben wie der Rest der Stadt. Die Frau im Sessel bewegte sich leicht, schlug die Beine übereinander, schaute kurz hoch und blätterte eine Seite um. Neben ihr auf der kommode stand ein Spiegel, der die Wand anschaute. Genauso grau wie alles hier, dachte der Page.

Ein Zug fuhr ein. Die Bremsen quietschten, die Lok gab ein paar schwere Atemzüge von sich, begleitet von schwarzen Wolken, schwärzer als der Rauch der Zigarette. Niemand stieg aus, niemand stieg ein. Dort könnte ich jetzt sein, dachte der Mann, nahm einen Zug aus seiner Zigarette, dort. Auf dem Weg nach Paris. Oder Rom.

Die Zugtüren schlossen mit lauten Knallen. Eine Pfeife ertönte. Der Zug fuhr an.

Die Vorhänge des Fensters bebten leicht, als der Zug aus dem Bahnhof rumpelte. Der Mann drückte seine Zigarette aus. Vom Zug war nur noch ein leichtes Vibrieren der Schienen zu hören. 

Dort könnte ich jetzt sein.

 

 

 

Verloren

 

 Ich blicke fassungslos auf den Boden. Grau-schwarze Steinbrocken, Betonstücke, fingerdicke Stahldrähte, die aus dem Schutt hervorragen. Entropie, ganz klar, hättest du gesagt. Hattest du das nicht gestern in Physik? Egal. Alles ist egal. So egal. Ein Windstoß fährt in die Häuserlücke. Fröstelnd mummle ich mich fester in die dünne Jacke und ziehe den Kopf ein. Weiße Schneereste auf schwarzen Trümmern. Das Eis knirscht unter meinen Stiefeln, als ich in die Mitte des Schutthaufens trete. Hier bin ich heute hinausgegangen. Ich laufe geradeaus, hebe den Kopf, bleibe stehen. Hier waren der Flur und die Kommode, an der du dir immer die Zehen gestoßen hast. Dann noch zwei Schritte. Hier kann ich immer noch den Geruch von Essen wahrnehmen. Ein verbogener Pfannenkratzer ragt aus dem Schutthaufen. Schnell gehe ich weiter. Dort waren die Topfpflanzen, die schon vor einer Ewigkeit vertrocknet sind, weil du sie nie gegossen hast. In meinen Gedanken laufe ich die Treppe hoch. Der unangenehme Brandgeruch steigt mir wieder in die Nase. Dort war das Bad, wo du dich früher immer aus Versehen eingeschlossen hast. Dann bin ich die Hauswand mit einer Leiter hochgeklettert und habe aufgeschlossen. Mama hat nie etwas bemerkt. Ich lächle.

Mein Zimmer. Es steht schon lange leer. Letztes Jahr bin ich ausgezogen. Warum habe ich mich nicht von dir überreden lassen? Warum konnte ich nicht noch ein Jahr mit Studieren warten? Alles wäre gut. Alles. Ich schließe die Augen. Das kann ich nicht mehr sehen. Trümmer, Trümmer. Warum war es dieses Haus? Warum hat diese verdammte Erde nur hier so gebebt, dass das Haus Feuer fing? Hast du den Herd angelassen? Wo warst du? Warum bist du nicht fortgelaufen? 

Dein Gesicht steigt in mir auf. Als Baby, als Kleinkind. Als meine kleine Schwester. Mit der Schultüte und einem fröhlichen Grinsen. Deine stolzen Augen, als du auf die höhere Schule kamst. Deine geschlossenen Augen, deine bleichen Wangen, deine ausdruckslose Maske, die der Tot dir aufgesetzt hat. Ich blinzle. Das ertrage ich nicht. Lieber noch diese Ruine. Ich schiebe in meinen Gedanken die Türe auf und strecke den Kopf hindurch. Niemand sitzt am Schreibtisch. Du bist nicht da. Ich öffne die Augen. Und du wirst es auch nie mehr sein. Mein Blick fällt auf eine rote Ecke, die zwischen den Betonteilen eingeklemmt ist. Es ist dein Schal. Den, den du nie angezogen hast, weil er dir zu schön für dich war. Ich ziehe ihn hervor und betrachte ihn. Eine Ecke ist angekohlt, doch ich stecke ihn trotzdem ein. Dann gehe ich. Laufe zurück auf die Straße. Mein Blick fällt nochmals auf den Schal. Und plötzlich verlieren meine Muskeln alle Kraft, ich sacke in mich zusammen. 

Nichts mehr da. Nichts.

 

 

 

 

Zehn Sekunden

 

 

 Zehn Sekunden hatten auf der roten Stoppuhr geblinkt. Zehn. Nur zehn. Ich war so erleichtert. Nein, das ist falsch. Ich würde es in Sport so oder so nicht auf eine drei schaffen. Ich war nicht erleichtert. Ich war glücklich. Ich hatte es geschafft, war schneller als ich dachte. Ich konnte schnell sein. Im Vergleich zu den Anderen war ich immer noch eine Schnecke, aber man soll sich schließlich nicht ständig mit anderen vergleichen. Okay, ich muss zugeben, dass ich das auch gemacht habe. Und zwar viel zu oft. Aber heute nicht. Heute… war ich einfach besser als sonst gewesen.

 Ich trat mit meinen Freundinnen aus der dunklen Turnhalle nach draußen, in den wolken-behangenen, grauen Tag. Unser Atem bildete kleine Wölkchen in der kalten Luft. Ich schwang mir im Gehen meinen Schal um den Hals und zog die Mütze tiefer ins Gesicht. Es war April, aber schon seit Wochen war es so kalt, dass jeden Morgen die Pfützen zu Eis gefroren. Während wir uns auf den Weg zur Bushaltestelle machten, redete meine Freundin aufgeregt auf mich ein; es ging um ein Konzert und irgendwas mit Einkaufen und Zahnpasta, aber ich hörte nicht mehr hin. Hundert Meter vor uns liefen ein paar Jungs aus unserer Klasse. Und Florian.  

 Irgendjemand schien mit ihm zu streiten, Florian hatte aber den Mund zu einem Lachen verzogen. Er blieb kurz stehen und hob einen Handschuh auf, den irgendjemand fallengelassen hatte. Als er mich bemerkte, winkte er kurz und wandte sich wieder den anderen Jungen zu. Mein Herz machte einen besonders großen Schlag, dann fühlte es sich an, als würde es sich in meiner Brust zusammenziehen. Florian war schon länger mit mir befreundet, als ich denken konnte. Ich war mit ihm aufgewachsen und immer schon in seiner Klasse gewesen. Das Verliebtsein hatte erst letztes Jahr angefangen. Niemand wusste davon. Er auch nicht. Für unsere Freunde waren wir… Freunde. Oder sogar fast schon Bruder und Schwester. Sich in seinen Bruder zu verlieben… ging einfach nicht. Es fühlte sich falsch an. Aber sich in Florian zu verlieben, war das dasselbe? Und wenn ich ihm sagen würde, dass ich verliebt war - und er wäre es nicht... Was dann?

 Die Stimmen vor uns wurden lauter. „So ein Blödsinn! Das sind hundert Meter! Natürlich schaff ich das in zehn Sekunden!“ Das war Florian. Er blieb stehen und ging leicht in die Knie, als wolle er gleich lossprinten. „Fang schon an zu stoppen!“ Ich erinnerte mich an meinen Sprint von vorher und musste grinsen. Natürlich würde Florian das schaffen. Er war viel schneller als ich.

 Ein Junge holte seine Digitaluhr heraus. Florians Blick streifte meinen und er lächelte mich an. Glück schäumte in mir auf. Vielleicht sollte ich ihm sagen, dass ich in ihn verliebt bin, schoss es mir durch den Kopf.

 Dann lief Florian los. Über die Straße.

 Ein roter Blitz, viel zu schnell. Die Straße war doch frei. Florian auf dem Boden, Schreie. Das Auto wendet und rast davon. Lautes Bassdröhnen verschwimmt in der Stille. Ich höre nichts mehr. Dann renne ich auf die Straße. Bitte, lass es nichts Schlimmes sein. Stimmfetzen, blonde Haare. Ich stoße sie weg. Florians Gesicht. Seine Augen sind offen, er sieht mich. Sein Körper ein Blutschwall. In meinen Ohren fängt es an zu dröhnen. Ich rieche Eisen, spüre das Pochen in den Adern von Florians Hand. Die Sekunden scheinen zwischen meinen Fingern hindurchzurinnen. Jetzt oder nie.

 Ich beuge mich vor und küsse ihn. Seine Augen weiten sich. Ich spüre, wie sein Mund sich zu einem Lächeln verzieht. Er küsst mich zurück. Mich durchzuckt ein Funken Freude, vielleicht auch Hoffnung. Dann werden seine Lippen immer schlaffer, seine Augen sehen etwas anderes. Ich spüre seinen Puls, das immer langsamere Ticken einer Uhr. Die Sekunden scheinen sich in die Länge zu ziehen, das schwache Pochen durchströmt meinen Körper, wird langsamer, zögert, zögert noch länger…  


 
 

Die Uhr ist stehen geblieben. Und es ist, als hätte jemand in mir eine Kerze ausgeblasen, als ich mich neben Florians totem Körper zusammenrolle, in seinem Blut, mitten auf der Straße, in einer Traube von Leuten. Jemand hat die Stoppuhr fallen gelassen. Auf ihrem Display leuchtet eine schwarze Zehn.