Wie alles begann…

 

 

Es war ein regnerischer Spätherbsttag, an dem alles begann.

Ich war wie immer spät dran, als ich in einem, nach Rauch stinkenden Taxi saß und den brühend heißen Kaffee trank. 

Das Taxi fuhr viel zu schnell und war schon fünf Mal über eine rote Ampel gefahren  – ich hatte mitgezählt. Doch es war meine Schuld, dass der Taxifahrer seinen Führerschein riskierte. Er blickte immer wieder in den Rückspiegel und warf mir einen Blick zu, der schwer zu deuten war. Wahrscheinlich fragte er sich, was er hier für eine Verrückte chauffierte:

Meine Haare standen zu Berge, weil ich keine Zeit mehr gehabt hatte sie zu föhnen und dann hatte ich auch noch eine halbe Stunde im strömenden Regen auf ein Taxi warten müssen, das nicht schon besetzt war.

Deshalb war auch meine dünne Daunenjacke durchgeweicht und meine High Heels, von denen ich jetzt schon Blasen hatte, quietschten unangenehm, wenn ich mich bewegte.

Dazu kam, dass ich den Kaffee in mich hineinschüttete, aber nach jedem Schluck, vor Hitze, das Gesicht verzog.

Ich sah aus wie eine „Möchtegern-Karriere-Frau“, von denen es hier in New York viele gab. Ehrlich gesagt gehörte ich auch irgendwie zu diesen Frauen. Aber nur irgendwie.

Abprubt bremste der Taxifahrer.

Erschrocken umklammerte ich den Kaffeebecher fester und bemerkte gar nicht die kleinen Kaffeeflecken, die meinen Rock verunstalteten.

Der Taxifahrer sah mich erwartungsvoll an, ohne etwas zu sagen. Ich hielt ihm ein paar zerknitterte Geldscheine hin und stieg aus, ohne noch auf das Rückgeld zu warten. 

Der Regen hatte nicht nachgelassen, doch mein Regenschirm war kaputt gegangen, als mein Dackel heute Morgen darauf rumgekaut hatte. Also hielt ich meine Handtasche über meinen Kopf und rannte, so schnell es mit den High Heels ging, in das große, verglaste Hochhaus.

Als endlich ein Fahrstuhl kam, betrachtete ich mich mit weit aufgerissenen Augen in dem großen Spiegel. Ich sah sogar noch schlimmer aus, als ich es mir vorgestellt hatte. Meine Wimperntusche war verwischt und malte dunkle Ringe unter meine Augen. Ich sah aus wie ein trauriger Waschbär.

 

 

 

 

 

Während ein Klingeln ertönte und die rote Zahl 21 aufblinkte, versuchte ich meine Haare etwas glatt zu streichen und den verschmierten Lippenstift wegzuwischen. Doch das half nicht viel.

Vor den Fahrstühlen stand eine Frau mit perfekt sitzendem Dutt, perfekt geschminkt, aber mit einem verärgerten Gesichtsausdruck.

„Amanda, du weißt, dass das Meeting vor einer Stunde angefangen hat!“

„Mom!“

Verzweifelt sah ich meine Mutter an. Sie hatte mir jetzt gerade noch gefehlt.

„Ich habe ein gutes Wort für dich eingelegt und gesagt du säßest gerade an deiner Doktorarbeit zum Thema Management.“

Ich klappte den Mund auf, doch meine Mutter sprach auch schon weiter.

„Du brauchst dich nicht bei mir zu bedanken, aber ich erwarte von dir, dass du dich höchstpersönlich bei Henry entschuldigst. Er möchte sowieso noch mit dir reden.“ Sie musterte mich eindringlich. „Und wie siehst du überhaupt aus! Hast du noch nie etwas von einem Föhn gehört?!“ Sie zeigte auf meine Haare und ich blickte beschämt zu Boden. Bei meiner Mutter war Widerspruch sinnlos.

„Jetzt geh und richte dich wieder einigermaßen her“, die Stimme meiner Mutter klang schon ganz schrill, während sie mit ihren perfekt manikürten Fingern zur Toilette zeigte. 

„Lass die Arme doch erst einmal ankommen, Molly“, ein großgewachsener Mann, dessen Haare an den Schläfen grau glänzten, tauchte auf.

„Ach Henry, du bist zu nett zu ihr“, flötete meine Mutter, während ich genervt die Augen verdrehte.

Meine Mutter und Henry sahen sich, nach meiner Meinung, ein paar Sekunden zu lang an, weshalb ich einen Hustenanfall vortäuschte. 

„Amanda!“, Henry drückte mich etwas ungeschickt und mir stieg stechend sein After Shave in die Nase.

„Guten Morgen!“

 Ich sah zu meiner Mutter hinüber, die mich mit strengem Blick musterte.

„Es tut mir leid, dass ich erst jetzt komme“, wandte ich mich wieder an Henry.

„Das ist kein Problem, Schätzchen. Deine Mutter hat dich entschuldigt. Wenn du so fleißig deine Doktorarbeit schreibst, akzeptiere ich es gerne, dass du in den nächsten Tage später kommst“. 

Meine Mutter stieß erleichtert die Luft aus, während ich nickte und versuchte über das ,Schätzchen‘ hinweg zu kommen. Für wen hielt er sich eigentlich?

 

 

 

 

 

 

 

„Gut, ich gehe mich dann mal frisch machen“, verkündete ich, als Henry mir plötzlich auf die Schulter tippte.

„Warte noch einen Moment, Amanda. Ich bin eigentlich gekommen, um dir etwas mitzuteilen.“

Ich nickte und sah zu meiner Mutter hinüber, die sich nicht von der Stelle rührte, sondern interessiert aussah, als ob Henry auch ihr etwas mitteilen wollte. 

Henry räusperte sich. „Wie du schon weißt, möchte ich aus gesundheitlichen Gründen etwas kürzer treten und meinen Posten an jemand anderen übergeben.“

Ich nickte wieder etwas gelangweilt. Davon sprach meine Mutter schon 24 Stunden am Tag, weil sie hoffte Henry würde sie als Nachfolgerin vorschlagen.

„Nun habe ich jemanden gefunden, der nach meiner Ansicht, perfekt für diesen Posten ist.“ Henry lächelte mich an und ich lächelte etwas gezwungen zurück. Ich wollte einfach nur endlich meine verschmierte Schminke abwischen und aus diesen nassen, schmerzenden High Heels heraus.

„Und diese Person bist du!“

„WAS?!“, riefen meine Mutter und ich gleichzeitig.

Ich sah Henry völlig geschockt an. Das musste eine Verwechslung sein!

„Ja du hast richtig gehört. Du bist die neue Chefin, über zwanzig Abteilungen und insgesamt 300 Mitarbeitern. Herzlichen Glückwunsch!“ Henry strahlte mich an, während ich das Gefühl hatte mich jeden Moment übergeben zu müssen.

„Ich habe schon alles geregelt. Es fehlt nur noch deine Unterschrift.“

Das konnte er doch nicht ernst meinen. Wo waren die versteckten Kameras und der übliche Spruch "Lächle, du bist auf Candid Camera?“

Doch Henry schien das ganz ernst zu meinen. Er sah mich jetzt erwartungsvoll an. Meine Mutter dagegen sah so weiß aus, wie die Wand hinter ihr.

„Es tut mir leid“, murmelte ich, dann sprang ich in den Fahrstuhl, der immer noch offen stand.

Kurz bevor die Türen sich schlossen, sah ich gerade noch, wie meine Mutter ohnmächtig in Henrys Arme kippte.

Noemi Lichtenberger, J1B

 

Heimatlos

„Der Flug 4U 3468 nach Paris hat ungefähr 20 Minuten Verspätung. Wir bitten um Ihr Verständnis“. Der Lautsprecher knisterte unangenehm. 

Ich zog mir die Kapuze noch tiefer ins Gesicht und betrachtete eingehend den blitzblanken Fußboden. Hier musste mindestens vier Mal am Tag geputzt werden, so sauber wie es war. Sowas bemerkte man sofort, wenn man schon von klein auf sein Geld mit Putzen verdient hatte. 

Langsam hob ich den Blick und betrachtete die Leute, die sich in diesem Bereich aufhielten. Manche trugen schicke Anzüge und tippten wie wild auf ihre Handys ein, andere hatten riesige Sonnenbrillen auf und sonnenverbrannte Haut. Auch viele Kinder waren unter diesen Leuten. Die meisten hielten etwas ängstlich die Hand ihrer Eltern oder drückten ihr Kuscheltier fest an sich.

Ich musste an Mia denken. Ich musste daran denken, wie ich ihr ihr Lieblings-

buch vorgelesen hatte, als ich sie vor ein paar Stunden das letzte Mal ins Bett gebracht hatte. 

Zum Abschied hatte ich ihr einen Teddybär geschenkt, mit diesem im Arm war sie mitten in der Geschichte eingeschlafen. 

Die Tränen stiegen mir in die Augen, doch ich versuchte sie wegzublinzeln. Ich hasste Abschiede. Es hieß doch, dass es mit der Zeit immer leichter würde sich zu verabschieden. Doch das stimmte nicht. Es tat immer gleich weh. 

Ich blickte aus den riesigen Fenstern. Am Horizont ging die Sonne glühend unter und tauchte die Stadt in rötliches Licht. Von hier aus sah man den riesigen Park, indem ich oft mit Mia gewesen bin. Ganz hinten zeichnete sich das Hochhaus einer Bank ab. Dort hatte ich eine Zeitlang bei schlechter Bezahlung geputzt. 

Die Stadt war nicht groß und ich hatte mich sofort wohlgefühlt, als ich vor zehn Monaten hier angekommen war. Oft hatte ich mir vorgestellt, wie es wäre, wenn hier mein bleibendes Zuhause wäre. Aber dann verwarf ich diese Vorstellung sofort wieder. Seit ich denken konnte, hatte ich kein Zuhause und damit keine Heimat. Ich war in meinen 24 Jahren Lebenszeit mehr umgezogen, als wahrscheinlich die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben zum Frisör gehen. 

„Denke immer daran, egal was passiert, hier in Russland ist und bleibt für immer deine Heimat, Fleur“, hatte MáMa früher immer gesagt. Ich hatte versucht ihr zu glauben, aber schon damals hatte ich daran gezweifelt.

Als dann MáMa vor fünf Jahren gestorben war, war mit ihr mein letztes Stück 

Heimat und Sicherheit gestorben. Sie war immer für mich da gewesen. 

Nach Nána‘ s Tod hatten wir uns gegenseitig getröstet. Mein Vater war bei einem Anschlag einer Rebellengruppe gestorben, als ich gerade mal vier Jahre alt war. Er war immer mein Held gewesen, obwohl ich nie verstand warum gerade er bei diesem Anschlag umkommen musste. 

„Dein Nána hat für die Regierung gegen Rebellen oder Terroristen gearbeitet und gleichzeitig überprüft, dass die Regierung nicht selbst etwas Böses in die Wege leitet. Spion nennt man das. Er ist für das Gute gestorben“, hatte MáMa mir damals versucht zu erklären. 

Nach seinem Tod hatte sich alles verändert. Danach fingen die ganzen Umzüge an. Für mich bedeutete das, dass ich in mehr Ländern wohnte, als man an zwei Händen abzählen kann. Wir blieben nie länger als sechs Monate an einem Ort. In dieser Zeit wurde ich von MáMa unterrichtet. Irgendwann machte es mir nichts mehr aus, dass ich nie Freunde fand, weil ich auf keine Schule ging, und wir dann auch schon wieder umzogen, wenn ich welche gefunden hatte. Ich fand mich auch damit ab, dass ich nie ein richtiges eigenes Zimmer hatte. Aber ich kam nie damit klar nirgendwo richtig dazugehören und sich immer fremd zu fühlen. Das änderte sich scheinbar nie. 

„Entschuldigen Sie“, räusperte sich jemand. Irritiert schaute ich den großen, breitschultrigen Mann an, der vor mir stand. „Flughafenpolizei“, er tippte auf das Abzeichen auf seiner Uniform. „Darf ich Ihren Ausweis sehen“. 

Ich sah ihn immer noch etwas verwundert an, kramte dann aber in meiner Tasche. Es war schon ein paar Mal vorgekommen, dass ich nach meinen Papieren gefragt wurde. Das lag an meinem ausländischen Aussehen. Aber hier in dieser Stadt war es mir noch nie passiert. 

Ich reichte ihm mit einem Lächeln meinen Pass. Er studierte ihn eine Weile.

„Sie heißen Fleur Makarow?!“, fragte er schließlich. Ich nickte. 

„Und Sie sind in Russland geboren“. Ich nickte erneut. Was sollte diese Fragerei?

„Soso“, der Polizist kratzte sich am Kopf, dann blickte er mich etwas skeptisch an, „darf ich fragen, warum Sie jetzt nach Paris wollen“.

Mein Herz klopfte etwas schneller, aber ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen. „Sie haben schon viele Stempel aus den verschiedensten Ländern“, fuhr er fort. „Da habe ich mich gefragt, wie das in ihrem jungen Alter sein kann“.

„Ich verstehe“, stammelte ich mit etwas zittriger Stimme. „Sie glauben mein Ausweis ist gefälscht“. „Naja, das nicht unbedingt“, entgegnete der Flughafenpolizist. 

„Am besten kommen Sie einen Moment mit und erklären es mir.“ Der Polizist sah mich erwartungsvoll an.

Ich nickte, sammelte meine wenigen Sachen zusammen und folgte ihm mit weichen Knien. MáMa hatte mir immer eingetrichtert, unauffällig und gehorsam zu sein, wenn ein Polizist misstrauisch wurde. Oft glaubten Polizisten einem dann, hatte sie mir eingebläut. 

Der Flughafenpolizist schlängelte sich durch die Menschenmassen, die uns neugierig anschauten, bis zu einer Tür, auf die in weißem Schriftzug „Polícia“ geschrieben war. Es war nur ein kleiner Raum, in dem ich mich mit meinem Gepäck zwängte. Ein langer Schreibtisch mit zwei Computern bestückt, nahm schon fast den ganzen Platz ein. Ansonsten war nur noch ein kleines Sofa an die Wand gequetscht, welches allerdings nicht besonders bequem wirkte. 

„Setzen Sie sich“, der Polizist wies auf einen Stuhl und setzte sich selbst an den Tisch, gegenüber von mir. 

„Also“, der Flughafenpolizist räusperte sich, „Sie können sicher bestätigen, dass ihr Pass nicht gefälscht ist“. Ich nickte wahrheitsgemäß.

Der Polizist schaute mich jetzt etwas freundlicher an. „Darf ich Sie fragen, warum und wie lange Sie schon hier sind?“

„Ich bin seit Juli hier und habe meine Cousine besucht“.

„Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich muss Sie überprüfen, weil wir in letzter Zeit viele illegal Einreisende hatten. Ich denke nicht, dass bei Ihnen auch diese Gefahr besteht, aber ich muss sicher gehen“, klärte der breitschultrige Flughafenpolizist mich auf.

Ich schluckte schwer, während er erneut eingehend meinen Pass musterte. 

Damit hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen. 

Ich gehörte auch zu diesen illegalen Einwanderern. 

Schon seit meinem vierten Lebensjahr, als wir aus Russland weg mussten. 

MáMa und ich waren damals in großer Gefahr gewesen, dass die Rebellengruppe uns das gleiche antun würde, wie Nána. Dass wir nie länger als sechs Monate in einem Land blieben, war eine Vorsichtsmaßnahme gewesen, falls die Rebellengruppe uns suchen würde. Mit denen war nicht zu spaßen. Es hatte ihnen ganz und gar nicht gefallen, dass Nána ihr Versteck an die Regierung preisgegeben hatte, um sie zu verhaften. 

Ein Kloß bildete sich in meinem Hals und ich hatte plötzlich das Gefühl hier in dem engen Raum nicht mehr richtig atmen zu können. 

„Das Boarding für den Flug 4U 3468 nach Paris ist nun eröffnet. Zuerst kommen bitte alle First Class Fluggäste zum Schalter“, ertönte wieder die knisternde Lautsprecherstimme. 

Ich sah den Flughafenpolizist an. Er tippte gerade etwas in den Computer ein. Ungeduldig knetete ich meine Hände. Ich musste hier raus! 

Kurz lugte ich zur Tür und dann wieder zum Polizisten, der stirnrunzelnd den Bildschirm betrachtete. 

Ohne nachzudenken griff ich nach meiner Tasche und stürmte aus dem kleinen, stickigen Raum. Weg! Einfach nur weg! 

„Hey! Bleiben Sie stehen!“, hörte ich den Polizisten hinter mir rufen, doch ich ignorierte es. Ich rannte einfach nur weiter. Vorbei an boardenden Menschen, die mich alle etwas irritiert anschauten. Vorbei an all den Urlaubern und Geschäftsmännern. Vorbei an all den Menschen, die unterwegs, auf Reisen waren. Vorbei an all denen die ein Zuhause hatten. Einen Ort, an den sie hingehörten. 

Noemi Lichtenberger-Maier 

 

 

Weißes Papier

Weiß – einfach nur weiß. 

Nicht mal ein einziger Buchstabe stand auf dem Blatt das vor mir lag. 

Während die anderen schrieben und schrieben, saß ich einfach nur da und starrte das weiße Blatt vor mir wütend an. So als würde es dadurch von selber beschrieben. Möglichst noch mit den richtigen Lösungen. Aber egal wie böse ich schaute, es passierte nichts! Es blieb immer noch so blitzeblank weiß wie zuvor.

Ich sah mich im Klassenzimmer um. Alle saßen über den Tisch gebeugt und schrieben eifrig Seite für Seite. Klassenarbeiten! – Ich hasste sie. Und dann auch noch Mathe! Zur Krönung des Tages hatte ich heute meinen karierten Block vergessen und musste jetzt weiße Blätter, von meinem Lehrer benützen. Sozusagen als Strafe, weil ich so unzuverlässig war. Jedenfalls durfte ich auch kein Blatt von meinen Freunden nehmen. In pädagogischen Maßnahmen war mein Mathelehrer echt hartnäckig. Eine Mathe Arbeit auf Papier ohne Kästchen! 

Mal ganz davon abgesehen, dass ich keine Ahnung von Mathe hatte. 

Stöhnend schaute ich aus dem Fenster. Ich sah den hohen Baum, der direkt gegenüber unserem Klassenzimmerfenster stand. Jetzt im Herbst war er ganz kahl, stand traurig und verlassen da, darüber der blaugraue Himmel. Trostlos wirkte alles. - Wie es zu diesem Tag passte. 

Ich horchte in die Stille: Man hörte nur das Kratzen der Füllerfedern und das leise Ticken der Uhr. Viel Zeit hatte ich bestimmt nicht mehr! 

Ich betrachtete das Aufgabenblatt vor mir, kritisch. Woher sollte man das alles bitteschön wissen? Acht Aufgaben und keine verstand ich. Allein schon wie sie gestellt waren! Na toll! Wenn ich eine 6 schrieb, musste ich wahrscheinlich die Klasse wiederholen und dann…

„Weiß“, ertönte in dem Moment eine Stimme hinter mir. Ich drehte mich um. Mein Mathelehrer rückte seine kleine Brille zurecht und musterte mich streng. „Dein Blatt ist einfach nur weiß“. 

Ich wusste nicht was ich sagen sollte, so wütend klang seine tiefe Stimme.

„Du hättest wenigstens deinen Namen und das Datum hinschreiben können, dann wäre das Blatt nicht mehr sooo weiß. Das hätte schon mal einen besseren Eindruck auf mich gemacht. Aber du scheinst völlig uninteressiert an dieser Arbeit zu sein und auch an Mathe allgemein.“ Seine schmalen Augen funkelten mich an. Er war inzwischen so laut geworden, dass ein paar Schüler zu uns rüber schauten. Mich machten ihre neugierigen Blicke und der entrüstete Blick meines Mathelehrers plötzlich so wütend, dass ich abrupt aufstand. Mein Stuhl fiel scheppernd zu Boden. Ich erwiderte den Blick meines Mathelehrers, der inzwischen schon überrascht wirkte. Ohne nachzudenken drückte ich ihm dann meine Klassenarbeit, oder besser gesagt das weiße Blatt in die Hand und stürmte aus dem Klassenzimmer…

 

Noemi Lichtenberger-Maier

 

 

Die Mutprobe

Die Gänge waren eng und überall war es stockdunkel. Irgendwo hörte man Wasser leise plätschern und in der Ferne konnte man Hupen und Quietschen ausmachen, was von Autos stammen musste. 

Ich tastete mich geduckt an den feuchten Wänden entlang – immer darauf achtend, kleine Schritte zu machen und nicht auszurutschen. 

Mein Herz pochte so stark, dass es wehtat, doch ich ignorierte es. Ich ignorierte alles! Wie lange musste ich noch hier unten, in den schwarzen und stinkenden Gängen, laufen? Eine halbe Stunde? Eine ganze? 

Ich versuchte mir nicht vorzustellen worauf ich gerade lief oder was hier alles unterwegs war - wer hier unterwegs war! Ich schauderte und meine Beine schwankten gefährlich vor Zittern. Doch ich riss mich zusammen und krallte meine Finger noch fester in die kalte Wand. 

Einfach nur weiter! Schritt für Schritt! 

Plötzlich ertönte ein Klingeln aus meiner Hosentasche. Ich erschrak so sehr, dass ich umgekippt wäre, wenn ich mich nicht an der Wand festgehalten hätte. Mein Herz schmerzte, als ich von der Wand los ließ, um in meine Hosentasche zu greifen um mein vibrierendes, und hier in den leeren Gängen, unglaublich laut klingelndes Handy heraus zu fischen. Zitternd drückte ich auf grün und presste das kalte Ding an mein Ohr. Es rauschte. 

„H…h..hallo“, meine Stimme klang piepsig und heiser. Immer noch Rauschen. Mir steckte ein Kloß im Hals. Ich hatte plötzlich das Gefühl zu schwanken. Ich sah mich schon am Boden liegen, als ein Lachen ertönte. Es war aber kein fröhliches Lachen, wie man über einen guten Witz lachte. Es war ein Lachen, bei dem man sich wünschte, es nie hören zu müssen, weil es spöttisch und verletzend war.

„Na!“, erklang eine tiefe Stimme aus meinem Handy. „Sitzt du schon weinend auf dem Boden und hast schreckliche Angst? Sollen wir deine Mami rufen?!“

Ich schrumpfte mindestens vier Zentimeter. Dieses Mal schwankte ich so sehr, dass ich mich nicht mehr auf den Beinen halten konnte.

„Sollen wir dich irgendwo abholen? Haha. Du weißt aber was dann passiert…“, schweres Atmen war zu hören. „Also hör mir zu! Wir haben unseren Plan etwas geändert…“ 

Ich hasse dich, dachte ich jetzt. Ich hasse dich Sven! Warum hatte ich mich nur auf ihn eingelassen? – Auf ihn und seine Bande? Was wenn ich nie mehr aus den Abwasserkanälen kam? >Sven & seine starken Kämpfer<, so nannten sie sich. Ihnen wäre es bestimmt ganz egal, wenn ich hier verhungern würde!

Das stinkende Wasser, das jetzt zu steigen schien und meine neuen Sneakers erreicht hatte, holte mich in die Gegenwart zurück. 

Zitternd drückte ich mein Handy noch fester an mein Ohr und versuchte meine Stimme nicht ganz so ängstlich klingen zu lassen, wie ich mich fühlte. „Was bedeutet das?“ Gelächter ertönte erneut. „Hör zu“, sagte Sven, als das Gelächter sich schließlich gelegt hatte. „Unsere Abmachung war, dass du, wenn du den Weg aus diesen Abwasserkanälen findest, zu unserer Bande gehörst. Das heißt, wir werden dich freundlich behandeln, weil du unter unserem Schutz stehst…“ – Jedenfalls werdet ihr mich nicht mehr verschlagen, Sachen stehlen oder mich erpressen, so wie es allen anderen in unserer Stufe ergeht, fügte ich in Gedanken dazu. 

„Aber du wirst auch noch eine zweite Bedingung erfüllen müssen!“

„Wie bitte?“

„Der wohlerzogene Junge mal wieder“. Das Gelächter, das jetzt ertönte, war so laut, dass ich mein Handy einen halben Meter von meinem Ohr weghalten musste. Mein Magen fühlte sich plötzlich an, als hätte mich jemand getreten und in meinem Kopf drehte sich alles. Außerdem hatte ich das Gefühl gleich in die stinkende Brühe vor mir zu kippen. Ganz fest krallte ich meine Fingernägel in mein Schienbein – so fest, dass es fast ins Fleisch schneiden musste. 

„Und was wäre die zweite Bedingung?“, meine Stimmung war so dünn wie ein Bindfaden. 

„…Tja… erst mal musst du aus den Abwasserkanälen kommen und…und dann sehen wir weiter… und denk an die Regeln…“ Sven machte eine Pause. „Wir kontrollieren dein Handy…“.

Mir wurde schlecht. Ich kannte die Regeln nur zu gut: ich durfte niemanden anrufen, anfunken oder sonst was.

Dann rauschte es plötzlich nur noch und schließlich war gar nichts mehr zu hören. Ich legte auf und starrte mein Handy an – jedenfalls so wie man etwas in der Dunkelheit anstarren kann. Ich zitterte am ganzen Körper, aber nicht nur wegen der Kälte. Mein Herz pochte und pochte. Ich fragte mich langsam, ob es nicht auch mal eine Pause brauchte. 

Was sollte ich nur tun? Wie weit war es noch bis zum Kanaldeckel, der aus den Abwasserkanälen führte, fragte ich mich bestimmt schon zum hundertsten Mal. 

Warum nur hatte ich Sven gesagt, ich wolle in seine Bande? 

Wahrscheinlich, weil sie mich vor einer Woche so verschlagen und mein Taschengeld gestohlen hatten. Und dann hatte meine Mutter alles noch schlimmer gemacht, weil sie glaubte ich hätte mich freiwillig geprügelt und mein Taschengeld aus Leichtsinn verloren. Jetzt hatte ich auch noch Hausarrest! 

Ich hätte mich gegen >Sven & seine starken Kämpfer< wehren sollen, dachte ich. 

Aber gegen fünf starke Jungen, die alle ein Jahr älter waren? Hätte ich da 

irgendwas erreicht? Keiner aus unserer Stufe hatte sich je gegen sie gewehrt. 

KEINER! Und sie wussten auch alle warum!

Ein Piepsen riss mich plötzlich aus meinen Gedanken. Panisch versuchte ich mich an der kalten Wand hoch zu ziehen. Doch meine Beine knickten fast wieder ein. Mein Herz klopfte lauter und es dröhnte in meinen Ohren. Ich sah mich schon endgültig am Boden, als Stimmen ertönten. Oder täuschte ich mich?

Nein! Ein schwacher Lichtstrahl, wie von einer Taschenlampe, wanderte über den Boden. – Vielleicht noch 400m von mir entfernt. „LAUF!“, schrie mein Kopf, aber mein Gehirn schien so was wie ein Blackout zu haben. Das Einzige, was es meinen Füßen zu befehlen schien, war nicht wieder einzuknicken. 

Die Stimmen wurden immer lauter. Waren das Bauarbeiter, die hier unten Rohre verlegten? Mein Gehirn schien wieder etwas klarer zu denken, aber zum Weglaufen reichte es anscheinend noch nicht. Und dann erfasste mich schon der helle Schein der Taschenlampe. Geblendet kniff ich die Augen zusammen und versuchte die zwei Gestalten zu erkennen, die jetzt direkt vor mit standen. 

„Wer bist du denn?“, sagte die eine Gestalt. Es war eine Männerstimme mit einem starken Akzent, sie klang nicht gerade furchteinflößend. 

„Ein Junge, kaum vierzehn“, stellte die andere Person fest, auch eine Männerstimme.

Ich brachte kein Wort heraus. Dafür betrachtete ich die beiden Männer genauer, denn meine Augen hatten sich langsam an das grelle Licht gewöhnt. 

„Sprechen kann er anscheinend nicht“, meinte jetzt der Mann mit Akzent. Er trug einen gelben Helm und ein Hemd, das eigentlich viel zu schön war, um es hier unten in den Abwasserkanälen zu tragen. Irgendwie kam er mir bekannt vor.

„Lassen Sie ihn! Er steht unter Schock!“, antwortete der andere Mann. Er hatte einen Schnauzbart und trug einen alten Pulli und keinen Helm. 

Plötzlich fiel mir ein, woher ich den einen Mann kannte. Es war Herr Kauschka – der neue Bürgermeister unserer Stadt! Wahrscheinlich machte der andere Mann hier unten einen Rundgang mit ihm.

Der andere Mann beugte sich zu mir hinunter und leuchtete mir wieder ins Gesicht. „Sag mal, wie bist du hier hingekommen? Und was hast du vor hier unten zu machen? Es ist nicht gerade der bequemste Ort, an dem man sich freitagabends als Junge aufhält, oder?“, fragte er. 

„Ich…ich…äh“, stotterte ich. 

Herr Kauschka kam mir zu Hilfe. „Als ich in deinem Alter war, habe ich freitagabends immer Fußball gespielt oder Fernsehen geschaut. Also, ich wette du bist nicht freiwillig hier“, er beugte sich jetzt auch zu mir runter, „eine Mutprobe oder eine Wette, hab ich Recht?“ Ich nickte. Wussten Bürgermeister alles? Der andere Mann seufzte. „Und was musst du tun? Hier heraus finden?“ 

Ich nickte erneut.

„Wie weit ist es denn bis zum nächsten Kanaldeckel?“, wandte Herr Kauschka sich an den Mann. 

„Nicht weit“, der Mann sah mich wieder an, „wenn du willst bringen wir dich dorthin. Keine Angst wir sagen es nicht weiter und du verlierst deine Wette nicht“.

„Du fällst nicht durch die Mutprobe“, ergänzte Herr Kauschka. Dann nahmen mich die beiden in die Mitte und plötzlich erschien mir der Kanal gar nicht mehr so düster. 

Wenig später war ich wieder oben an der frischen Luft.

Ich wusste >Sven & seine starken Kämpfer< warteten auf mich auf dem Marktplatz. Es war nicht weit, doch als ich dort ankam sah ich, dass die fünf sich um Jakob, meinen besten Freund gestellt hatten. Sie sahen nicht so aus als würden sie Nettes im Sinn haben. Ohne zu Überlegen schleuderte ich mich von hinten gegen Sven. Der hatte mich aber nicht kommen sehen und stürzte zu Boden. Auch die anderen waren zu überrascht um irgendwelche Anstalten zu machen. 

„Du hast es echt geschafft!“, Sven versuchte gemein und ironisch zu klingen… Doch er klang nur wie ein kleines Hündchen, das versuchte furchteinlösend zu bellen. 

„Tja, da siehst du mal!“, ich wurde plötzlich richtig wütend, „und weißt du was! Ich brauche eure Bande überhaupt nicht! Ich benötige keine Beschützer! Das Einzige was ich brauche sind gute Freunde“, ich sah zu Jakob, der sich entschlossen neben mich stellte. „Nicht so welche wie ihr! Ich wette du bist auch nur so gemein, weil du nie richtige Freunde hattest und selbst mal verprügelt oder erpresst wurdest. Aber du hast keine Chance gegen uns! Ihr alle nicht!“. Plötzlich war es ganz still. Mit grimmiger Miene erhob sich Sven vom dreckigen Boden und lief einen Schritt auf mich zu. Jetzt ärgerte ich mich über meinen Mut und meinen vorlauten Mund, den ich nicht hatte halten können. Ich machte mich auf einen Schlag bereit. Doch Sven sah mich nur noch einmal verärgert an und dann zog er, ohne ein weiteres Wort, mit seiner Bande ab.

„Wow, sind wir die jetzt für immer los?“, fragte Jakob.

„Wahrscheinlich nicht! Aber wenn wir zusammen halten lassen sie uns alle vielleicht irgendwann in Ruhe“, antwortete ich. Und dann liefen Jakob und ich nach Hause und schauten zusammen das Fußballspiel im Fernsehen. 

 

Noemi Lichtenberger-Maier