Der Jungbrunnen (Sofie Kunert)

 

Vor langer Zeit lebte ein altes Ehepaar in einem kleinen, unbekannten Dorf in den Bergen. Dort wahrten die Bewohner ein großes Geheimnis. Auf dem Marktplatz stand, mitten im Herzen des Dorfes, ein alter Brunnen. Die kalten Steine wirkten ungepflegt und dreckig, doch sah man in das Innere, so glitzerte und funkelte das klare Wasser wie Diamanten. Es war der Jungbrunnen, in dem die Dorfbewohner, sobald sie das 50. Lebensjahr erreichten, ein einziges Mal baden durften, um wieder junges Aussehen und betörende Schönheit zu erlangen. Denn nur kurze Zeit in dem wundersamen Gewässer ließ die Bewohner um viele Jahre jünger werden. Eines Tages war nun auch der 50. Geburtstag der alten Frau. Jahrelang hatte sie sich auf diesen Moment gefreut, sie sehnte sich danach wieder jung und schön zu sein. Sobald sie der Hahn aus dem Schlafe gerissen hatte, eilte sie frohen Mutes so schnell sie konnte den Weg zu dem Wunderbrunnen entlang. Heute schien sein Wasser besonders schön zu glänzen und sanfte Windböen warfen Wellen auf dem Oberfläche. Es war, als ob der Brunnen sie erwartete. Sie warf alle Kleider von sich und kletterte in das Becken. Obwohl die Herbstluft kühl war, war das Wasser wohlig warm. Als die alte Frau hinein tauchte, verspürte sie ein Kribbeln und ein Glücksgefühl von einer Stärke, wie sie es noch nie zu vor gespürt hatte, breitete sich in ihrem Herzen aus.

Eine Stunde verging und mit jeder Minute wurde sie jünger, schöner und kräftiger. Krampfadern entspannten sich, Falten glätteten sich, ihre Haare warfen ihr graues Kleid ab und nahmen ihre jugendliche Farbe wieder an. Lange und genau bewunderte die Frau ihr hübsches Ebenbild voller Faszination im wallenden Wasser. Sie war wieder jung! Als sie Blick von sich losreißen konnte und aus dem Brunnen stieg, trugen sie ihre Beine auf einmal mit Leichtigkeit, und in ihrer Freude fing die erfrischte Frau an, um den Brunnen zu tanzen. Sie lachte und jauchzte, hüpfte und tanzte ganz alleine um die Quelle herum. Erst am Mittag kehrte sie nach Hause zurück. Als ihr Mann sie erblickte, war er von ihrem Anblick entzückt und feierte für sie ein Fest.

 

Osterglocken blühten, Obstbäume schmückten sich mit Früchten, Laub und Schnee fielen, als die Jahre wie durch eine Sanduhr verrannen. 

Die Frau ergötzte sich an ihrem jugendlichen Aussehen. Zwar wurde sie langsam wieder älter, aber dies fiel nicht auf, da ihr Mann schon graues Haar bekam. Doch die Frau wollte keinen Greis zum Mann. Und so fieberte sie seinem 50 Geburtstag entgegen. Bevor es zu dem großen Ereignis kam sagte sie: „Noch drei Tage! Dann gehst du zum Brunnen.“ Ihr Mann antwortete, vielleicht sei es nicht gut, die Natur überlisten zu wollen, doch die Frau hörte nicht. Am nächsten Mittag rief sie: „Noch zwei Tage! Dann gehst du zum Brunnen.“ Könnte das nicht gefährlich sein, Magie sei sehr kraftvoll, wandte der Mann ein, doch die Frau hörte nicht. „Noch ein Tag! Dann gehst du zum Brunnen.“ Er wolle nicht, es sei klüger zu warten, sagte der Mann, doch die Frau hörte nicht. Am Morgen seines 50. Geburtstags befahl sie ihm: „Geh zum Brunnen!“ „Es ist mir zu gefährlich“, sagte der Mann, doch sie erwiderte nur: „Lieber keinen Mann, als einen hässlichen!“ Und so gehorchte der Mann. Widerwillig ging er zum Jungbrunnen. Pflanzen wucherten wild über die Steine wucherten und Erdklumpen klebten in jeder Ritze. Aber das kristallklare Wasser ließ die Sonnenstrahlen golden schimmern und zog ihn an wie ein magischer Bann. Er dachte daran, was mit seiner Frau geschehen war, und stieg hinein. Behutsam zählte er die Minuten bis er sein perfektes Alter zurückgewonnen hatte. Nach dem Bad rannte er als wunderschöner Jüngling nach Hause und das Ehepaar feierte ein Fest.

 

Osterglocken blühten, Obstbäume schmückten sich mit Früchten, Laub und Schnee fielen, die Zeiger der Jahresuhr drehte sich weiter und weiter. Das Paar lebte überglücklich, und der Mann putzte den Brunnen, um ihm zu danken. Noch mehr Osterglocken, Obstbäume, Laub und Schnee. Die Zeit verging wie im Flug, das Paar wurde immer älter, und die Frau unglücklicher. Sie gierte danach jung zu sein. Und ewig jung zu bleiben. Tag für Tag wurde sie unglücklicher und erboster. Bis sie eines Nachts sich auf leisen Sohlen aufmachte und auf den Marktplatz zum Wunderbrunnen schlich. Nicht mal ein schlechtes Gewissen hatte sie, als sie die Regeln brach und ein zweites Mal in dem weichen Wasser badete. Entzückt bewunderte sie ihre Haut, sie konnte ihre Augen gar nicht mehr davon losreißen. Eine Stunde verging, doch sie achtete nicht darauf. Die Frau plantschte in dem Wasser und war frei und glücklich wie ein Vogel, der aus seinem Käfig gelassen wird. Erst später wandte sie ihren Blick von sich selbst, und wollte sich im Spiegel des Wassers von außen betrachten. Doch keine Jungfrau sah sie an. Es war auch keine alte Frau, die sie erschreckt anstarrte – es war ein kleines Kind. Sie war solange in dem Wunderwasser geblieben, bis sie viel zu jung geworden war! Sie heulte auf und schlug mit beiden Händen auf das Wasser, als könne es etwas für ihren Übermut, schrie es an und weinte. Während sie das tat, wurde sie noch jünger und jünger. Und ehe sie es sich versah, erblickte sie im Wasser ein Baby mit weit aufgerissen Augen. Sie strampelte mit Armen und Beinen, aber sie war zu klein, um aus dem Brunnen zu kommen. So war die Frau rückwärts in die Arme des Gevatter Tod gelaufen.

 

 

 

 

 Der blaue Koffer

 
 

Der Verkäufer des Bahnhofskiosks sah gelangweilt an ihm vorbei, als er eine Packung Zigaretten und ein Feuerzeug über die Theke schob. Keiner beachtete ihn. Er machte sich nicht die Mühe, das Geld passend abzuzählen, und es dauerte lange, bis der Verkäufer endlich das Rückgeld zusammen gekramt hatte und es ihm mit einem genervtem Blick übergab.

Zurück bei den Gleisen blieb er stehen. Während er wartete zündete er seine Zigarette an, nahm einen Zug und hustete. Mit einem Seufzen warf er die komplette Packung in den nächst gelegenen Mülleimer.

Endlich fuhr der Bummelzug ein. Hier auf dem Land kamen sie seltener und unregelmäßiger, nicht alle halbe Stunde wie die ICEs in seiner Stadt. Er stieg ein und widerstand der Versuchung einen Blick auf die elektronische Anzeigetafel zu werfen, die ihm verraten würde, wohin er fuhr.

Es ist der letzte Zug, beschloss er. 

Im Waggoninneren stellt er sich ganz ans Ende und lehnte sich gegen die Zugwand, auch wenn fast alle Sitze frei waren. Er sah aus dem Türfenster. Viel gab es nicht zu sehen, denn mittlerweile war es dunkel geworden, nicht mal der Regen war noch zu erkennen. Was im Inneren geschah kümmerte ihn nicht.

Leute stiegen aus, niemand stieg ein.

Es dauerte nicht lange, bis der Zug hielt. Endstation. Das Ende der Welt. Irgendwo ganz weit weg.

Niemand ging an ihm vorbei, um die Türen zu öffnen, und zum ersten Mal sah er sich im Zug um. Ein königsblauer Koffer mit glänzenden Schnallen stand nur ein paar Schritte neben ihm – doch der Waggon war leer, er war ganz alleine. Alleine am Ende der Welt. Endstation. Er musste raus. Langsam stieß er sich von der Zugwand ab und ließ seine Hand einen Moment über dem blauen Koffer schweben. Doch dann schloss er seine Finger um den Griff, hob den Koffer hoch und ging.

Es dauerte über eine Stunde bis er am Waldrand, nahe eines kleinen Weihers, eine Unterkunft für die Nacht fand: ein alter schäbiger Landgasthof. Die Holztür sprang quietschend auf, als er es endlich schaffte den Schlüssel im Schloss zu drehen. Das Zimmer war sehr einfach, aber sauber. Ohne Jacke oder Schuhe auszuziehen, setzte er sich auf das Bett, den Koffer legte er neben sich. Für einen Moment schweiften seine Gedanken ab und er runzelte die Stirn, doch dann riss er sich zusammen. Er öffnete die Schnallen des Koffers und hob den Deckel an.

Oben auf lag ein säuberlich zusammengelegter, faltenlos gebügelter schwarzer Anzug, ein weißes Hemd und eine Krawatte. Der restliche Koffer war genauso ordentlich gepackt; Hemden, Pullover und Hosen säuberlich getrennt, nach Farben sortiert, am Rand ein kleiner Wäschebeutel. Alles picobello. Er räumte den Koffer sehr ordentlich aus, als wolle er das Kunstwerk nicht zerstören. Die Marken der Klamotten kamen ihm bekannt vor. Er hatte von ihnen gehört, auch wenn er sie nicht selbst trug.

Es war kein Geldbeutel in dem Koffer, kein Smartphone, kein Schlüssel. Wahrscheinlich hatte der Besitzer seine Wertsachen am Körper behalten, sehr schlau. Er hatte gehofft, dass sich am Boden noch etwas befand, dass es weiter ging. Aber er hatte alles auf das Bett geräumt, der Koffer war nun leer. Einen Moment noch sah er hinein, dann ließ er seinen Blick durch das Zimmer streifen. Das Zimmer, nicht sein Zimmer. So fremd. So leer...

Ein Seitenfach! Jeder Koffer hat ein Seitenfach. Natürlich auch der Königsblaue. Viel ist nicht darin, nur ein Foto, dennoch wiegt es erstaunlich schwer in seiner Hand. Zwei Kinder lachen fröhlich in die Kamera, ein Mädchen und ein Junge, die Eltern haben jeweils einen Arm um sie gelegt und schauen sich strahlend in die Augen.

Auf einmal pfefferte er das Bild zurück in den Koffer, raffte grob die Klamotten zusammen und steckte sie in den Innenraum. Mit allem Kraft presste er die Kofferhälften zusammen. Der unordentliche, zusammengeknüllte Haufen beanspruchte jetzt viel mehr Platz. Er riss ungeduldig an dem Reißverschluss, bis er endlich zu ging. Er brauchte sich gar nicht erst anzuziehen, da er immer noch Jacke und Schuhe trug. Nur nach dem Schlüssel griff er, bevor er das Zimmer mitsamt dem Koffer verließ. Langsam und bedacht ging er aus dem Gasthof nach draußen, doch seine zitternde Hand klammerte sich fest um den Griff des blauen Koffers. Es war dunkel geworden, die schwarzen Silhouetten der Bäume hoben sich kaum noch vom grauen Himmel ab. Auch der Mond hielt sich irgendwo in diesem trüben Einheitsbrei versteckt.

Nur ein paar hundert Meter müsste er gehen, bis er den Weiher wiederfand. Seine nächsten Schritte setzte er vorsichtig, um nicht hinein zu fallen, bis er mit seinem Standort zufrieden war. Dann stemmte er das fremde Gepäckstück mit beiden Händen in die Luft. Es platschte, als der königsblaue Koffer mit den glänzenden Schnallen auf der Wasseroberfläche aufkam und sofort unterging.

Er drehte sich um und ging zurück in sein Zimmer. Diesmal zog er seine Schuhe aus.

 


Zehn Sekunden 

 

 

Es scheint so zu sein, wie jedes andere Mal auch. Doch sie weiß, dass sich heute alles ändern wird. Wie gewohnt sitzt sie mit Headset-Mikro an der Wange auf dem gemütlichen Sofa, trägt ein elegantes Kleid mit großzügigem Ausschnitt und die langen Haare offen. Weltberühmte Stargäste haben direkt neben ihn Platz genommen. Alles ist wie immer, abgesehen von der Farbe ihres Kleides, das sich perfekt an das markante Grün der Sitzfläche anpasst. Mit Make-up im Gesicht, um ganz makellos zu wirken, und einem einladenden Lächeln im Gesicht posiert sie probehalber strahlend und mit übereinander geschlagenen Beinen in die Kamera.
Viele beneiden sie. Was heißt viele – alle machen das. Sie wollen genauso die charmante Moderatorin einer beliebten Talkshow sein wie sie es ist. Weil sie denken, sie wäre perfekt. Doch perfekt ist niemand. Den Schein in der Fernsehwelt zu wahren war schon immer ein Ziel der Produzenten und zudem das, was die gesamte Menschheit unermüdlich anstrebt: Perfektion. So ein kindischer Gedanke. Ist es da nicht wahrscheinlicher, dass die Welt vorher untergeht?
Aber viele glauben tatsächlich an die perfekte Welt, den perfekten Menschen. Und sie, das Idol schlechthin, scheint ein tolles Beispiel dafür zu sein. Sie ist schlau, hübsch, lustig, vollkommen, fehlerlos – vor der Kamera. Das ist es, was die Leute sehen, das, was ihre Vorstellung prägt und immer wieder bestätigt wird. Doch sie sehen nicht dahinter. Sie kennen sie doch gar nicht. Denn sie hat sehr wohl einen Fehler begangen, den wohl schwerwiegendsten ihres Lebens. Zuerst hatte sie gedacht, er hätte alles kaputt gemacht. Doch als eine Erkenntnis ihren Kopf durchflutet hatte und sie die Wahrheit realisierte, hatte sie all ihre Hoffnungen, Wünsche und Träume von den stürmischen Wogen ihrer Wut herunterziehen lassen. 
Mit der Zeit hatten sich die Wellen geglättet, die Brandung beruhigt, das Meer war durch ihre Augen herausgeflossen und somit die Flut zurückgegangen. Weil sie mittlerweile akzeptiert hatte: Er musste sie betrogen haben. Ohne sich noch ein einziges Mal mit seinem Angesicht zu konfrontieren, hatte sie innerlich sowie äußerlich einen Neuanfang gestartet. Lange hatte es nicht gedauert, bis sie alle Kontaktmöglichkeiten zu ihm abgebrochen hatte, die Telefonnummer geändert und umgezogen war. Das Einzige, was sie immer bei sich behalten hatte, war sein Geschenk zu ihrer Verlobung gewesen. Der schmale, glänzende Ring mit den geschwungen Linien, die sich über das Weißgold wunden, war eigentlich ein ziemlich schlichtes Exemplar gewesen und außerdem von ihm. Dennoch hatte sie das Schmuckstück nicht weggeben können. Immerzu hatte sie es dabei, nur anziehen tat sie es nie. Die restlichen Dinge, die auch nur im Entferntesten irgendetwas mit ihm zu tun hatten, hatte sie ersetzt. Ihr ganzes Leben begann neu und kurz darauf war auch der Tag gekommen, an dem ihre Fähigkeiten für das Fernsehen entdeckt worden waren. Knapp zwei Jahre war das nun her.
Sie war so unglaublich dumm gewesen.
Gestern hatte sie eine alte Bekannte getroffen, welche ihr von deren Begegnung mit ihrem Ex erzählt hatte. Kurz darauf begriff sie, was sie getan hatte. Es war alles ein Missverständnis, denn er hat sie keineswegs betrogen. Alles hatte sie aus ein paar angeblichen Hinweisen in ihrem Gehirn zusammen gesponnen. Und dann hatte sie ihn verlassen. Und jetzt war er weg. Den halben Tag hat sie gestern verbracht, zurück zu ihm zu fahren, doch auch er hatte die Stadt verlassen. Nur hatte er wahrscheinlich einen triftigeren Grund dazu gehabt als sie. Er konnte gar nicht verstanden haben, warum sie weg war. Wie sie ihn verletzt haben musste.
Da sieht man mal, wie perfekt und fehlerlos sie wirklich ist. Ganz vorsichtig lässt sie ihre Hand in die Tasche wandern, streicht beinahe liebevoll mit dem Finger über den glatten Ring und lässt ihn unbemerkt auf ihren Finger gleiten. Er liebte sie. Er hatte sie die ganze Zeit genau so sehr geliebt wie sie ihn. Nur hatte sie ihm furchtbar Unrecht getan, und jetzt weiß keiner von ihnen mehr, wo sich der andere aufhält. Es war vorbei und sie trug die Schuld.
Auf einmal wird sie aus ihrer Gedankenwelt gerissen, als jemand fragt, ob sie für die Show bereit sei. Sie nickt abwesend. Vorstellung, Begrüßung, Programmankündigung, Einleitung für das erste Thema, geht sie ihre Aufgaben durch. Einen Moment später sieht sie das rote „On Air“ Schild aufleuchten. Eine Stimme aus dem Off stellt die Stargäste vor, aber erst als es um sie geht, beginnt sie genauer zu zuhören. „… Begrüßen sie nun mit tobendem Applaus ihre Gastgeberin, unsere Top-Moderatorin, die einzigartige Clarance Folgate!“ Ihr Mund verzieht sich zu einem Lächeln, aber ihre Augen wirken ausdruckslos. Du bist live, denkt sie, mach’ etwas. Gerade will sie sich fangen und macht eine elegante Handgeste, doch dabei rutscht ihr der Ring vom Finger. Sein Ring. Er klirrt leise, als er den Boden trifft. Wie versteinert schaut sie darauf. Sie will das alles nicht mehr. Diese perfektionistische Fassade! Alles Lüge! Sie kann sie nach dem gestrigen Vorfall nicht mehr aufrecht erhalten. Dem muss ein Ende gesetzt werden. Sofort! Sie springt auf und alles um sie herum verstummt. Ihr Herz klopft wild, sie spürt das Adrenalin in ihren Adern und weiß auf einmal, sie ist bereit. Die verwunderten Blicke des Publikums pushen sie. Das Technikteam wird später toll in Zeitlupe darstellen, wie sie sich ihr Glas Wasser schnappt und es über ihr Gesicht leert, sodass die gesamte Schminke zerfließt und ihr wahres Gesicht offenbart, wie sie sich die Haare zerzaust, um das Bild der Perfektion zu zerstören, wie sie der Reihe nach jedes einzelne Glas Sekt ihrer Gäste herunter kippt, um ihren Verstand etwas zu benebeln, damit er ihr nicht dazwischen funkt. Ihr Gewissen fragt nicht, ob es wert ist, für so etwas ihren Traumberuf zu verlieren. Ihre Antwort ist klar, ist standhaft wie ein Fels in mitten ihres Gefühlschaos: Ja, das ist es wert. Das ist nämlich nicht mehr ihr Job. Damit ist Schluss. Mit allem ist Schluss. Sie stößt einen Freudenschrei aus, während sie auf den Couchtisch springt. Breitbeinig steht sie da, die Hände in die Hüften gestemmt. Niemals hat sie sich so befreit gefühlt. Wie von selbst breitet sie die Arme so weit es geht aus und beginnt, sich im Kreis zu drehen. Voller Genugtuung sieht sie sich um. Entsetzten spiegelt sich in allen Gesichtern. Ihr Herz pocht hart gegen ihre Rippen. „Ja!“, schreit sie urplötzlich in die Stille hinein und das Echo der Halle trägt ihre Worte weiter. Einige Leute zucken zusammen. „Und ihr! Ihr!“, meint sie beinahe drohend. „Warum guckt ihr mich so an? Das hättet ihr nicht erwartet!“ Sie lacht sarkastisch. „Jaja, so ist das. Ich bin ein Loser wie ihr auch. Sucht euch ein anderes Vorbild. Sucht euch jemanden anders. Jemand, der besser darin ist, euch minderwertig und unperfekt fühlen zu lassen.“ Neben ihr erhebt sich einer ihrer berühmten Gäste, doch sie lässt ihn nicht zu Wort kommen. "Du bist genau so einer! Wissen deine Fans eigentlich was für ein arroganter Arsch du vor Beginn der Sendung warst? Du mit deinem fetten Sportwagen und deinem hässlichen Pickelgesicht, du...“ Sie beginnt um sich zu treten, als sie kräftige Arme von hinten packen. „Ihr könnt mich alle mal!", kreischt sie den Security Guards ins Gesicht. „Das ist meine Meinung zu dieser Scheiß-TV-Welt! Hey, hey, lass das! Meinungsfreiheit! Diese Fotzen sind alle nur berühmt, weil sie gut aussehen, kein Talent– au!“ Sie stellt sich vor, wie ihr letzter Satz von einem Biiiep übertönt wird. Sie grinst irre. Was für ein Skandal! Die Medien werden sie zerfleischen. Sie freut sich schon darauf. In nur zehn Sekunden ist sie auf einen Schlag von der Spitze der Karriereleiter, die sie Sprosse für Sprosse emporgeklommen war, auf den Boden gekracht.